: Halle-Attentäter nimmt im Gefängnis Geiseln

13.12.2022 | 15:56 Uhr
Der verurteilte Synagogen-Attentäter von Halle hat versucht, aus der JVA in Burg auszubrechen - nach ZDF-Informationen mit einer selbstgebastelten Waffe aus Papier und Metall.
Im Hochsicherheitsgefängnis in Burg nahe Magdeburg hat der rechtsextreme Halle-Attentäter bei einem Fluchtversuch zwei Bedienstete als Geiseln genommen. Der 30-Jährige wurde am Montagabend nach etwa einer Stunde überwältigt, erklärte das Landesjustizministerium bei einer Pressekonferenz.
Medienberichte, nach denen der Täter mit einer selbstgebauten Waffe geschossen haben soll, wurden bisher von offizieller Seite nicht bestätigt worden. Nach ZDF-Informationen hatte er sich einen pistolenähnlichen Gegenstand gebaut, aus Papier, einem Bleistift und Metall. Wie genau er es schaffte, einen der Wachmänner zu überwältigen, ist noch unklar. Doch dem verurteilten Rechtsextremisten ist es offenbar gelungen, mit dem Wachmann als Geisel aus einem besonders gesicherten Trakt zu in einen Hof entkommen. Dort nahm er die nächste Geisel, bevor er von Spezialkräften überwältigt wurde.

Tür des Haftraums mit Papier verkeilt

Der Täter sei nun in einen besonders gesicherten Haftraum gebracht worden. Die Bediensteten sind den Angaben zufolge körperlich nicht verletzt, werden aber betreut. Wie der Gefangene es möglicherweise geschafft hatte, sich eine Waffe zu bauen, ist Gegenstand der Ermittlungen. Er habe "begrenzt Gegenstände des täglichen Bedarfs" in seinem Besitz halten dürfen, sei jedoch unter besonderer Beobachtung gewesen, auch seine Zelle sei regelmäßig durchsucht worden, hieß es bei der Pressekonferenz. Gegenwärtig werde geprüft, ob in der JVA Sicherheitsbestimmungen im Vorfeld der Tat missachtet worden seien, sagte Justizministerin Franziska Weidinger (CDU) in Magdeburg.
Der Gefangene gilt von Anfang an als schwieriger und unkooperativer Häftling. Am Pfingstwochenende 2020 hatte er als Angeklagter im Halle-Prozess versucht, aus der JVA Halle zu fliehen. Während eines Hofgangs war er über einen 3,40 Meter hohen Zaun geklettert und hatte fünf Minuten ohne Aufsicht nach Auswegen aus dem Gefängnis gesucht, bevor ihn Justizbedienstete wieder schnappten.
Während seiner Haft versuchte er auch bereits, mit Papier die Tür seiner Gefängniszelle zu verkeilen, so dass sie sich nicht mehr so einfach schließen schlässt. Dafür seien Disziplinarmaßnahmen während seiner Haft verhängt worden, hieß es bei der Pressekonferenz. Unter anderem sei der Attentäter von Halle vorübergehend in einem kameragesicherten Haftraum verlegt worden.

Lebenslang und Sicherungsverwahrung

Er hatte am 9. Oktober 2019 versucht, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur die Synagoge von Halle zu stürmen und ein Massaker anzurichten. Er warf Brand- und Sprengsätze und schoss auf die Zugangstür. Als es ihm nicht gelang, aufs Gelände zu kommen, ermordete er vor der Synagoge eine 40 Jahre alte Passantin und in einem nahe gelegenen Döner-Imbiss einen 20-Jährigen. Auf der Flucht verletzte er weitere Menschen.
Der Rechtsextreme war am 21. Dezember 2020 zu lebenslanger Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Er verbüßt seine Strafe um Gefängnis in Burg unweit der Autobahn 2. Es verfügt laut Justizministerium über 637 Haftplätze im geschlossenen Vollzug, es werden zudem 18 Haftplätze für die Sicherungsverwahrung vorgehalten und ist das größte und modernste Hochsicherheitsgefängnis Sachsen-Anhalts.

Frontal21-Recherche zu Halle-Attentat

10.10.2019

Forderung nach Aufklärung und Konsequenzen

Bundesinnenministerin Nancy Faeser forderte die Betreiber von Gefängnissen zur Überprüfung ihrer Sicherheitsmaßnahmen auf. Die Geiselnahme besorge sie, sagte die SPD-Politikerin dem Fernsehsender Welt. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff will den Vorfall aufarbeiten. "Jetzt gilt es, das Geschehen zu analysieren und daraus mögliche Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen", sagte der CDU-Politiker. Der Vorfall zeige, welche Gefahr vom Halle-Attentäter weiterhin ausgehe.
"Die Welt schaut auf Sachsen-Anhalt und die Landesregierung trägt eine besondere Verantwortung und muss besonders sorgfältig handeln", erklärte Linken-Fraktionschefin Eva von Angern. Justizministerin Franziska Weidinger (CDU) müsse alles unternehmen, damit der aktuelle Vorfall aufgearbeitet und Schwachstellen behoben werden.
Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Fraktion, Sebastian Striegel, drängte auf eine möglichst baldige Sitzung des Rechtsausschusses des Landtags. "Wir müssen jetzt schnell zu gesicherten Informationen kommen", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Er sei "extrem beunruhigt", dass es nach dem Ausbruchsversuch des Attentäters in der JVA Halle und einem versuchten Angriff im Gericht nach der Urteilsverkündung erneut "zu einem schwerwiegenden Sicherheitsvorfall" durch den Gefangenen gekommen sei.
Quelle: dpa, epd

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