: Der umstrittene COP-Präsident

von Julia Klaus und Elisa Miebach
28.11.2023 | 20:54 Uhr
Sultan Al Jaber soll den UN-Klimagipfel zum Erfolg führen. Gleichzeitig ist er Chef eines Ölriesen und möchte einen deutschen DAX-Konzern übernehmen. Was hat Al Jaber vor?
Sultan Ahmed Al Jaber - COP-Präsident in Dubai und gleichzeitig CEO von Adnoc, dem zwölftgrößten Ölkonzern weltweit.Quelle: Reuters
Sultan Al Jaber ist einer der wichtigsten Köpfe der UN-Klimakonferenz. Als deren Präsident muss er in den kommenden zwei Wochen unterschiedliche Positionen zusammenführen. Doch kann ihm das gelingen? Al Jaber ist weiterhin Chef von Adnoc, dem staatlichen Öl- und Gas-Konzern in den Emiraten, dem diesjährigen Gastgeberland der Konferenz. Forderungen von Klimaschützern, er möge in der Zeit als Klimagipfel-Chef sein Amt als Öl-Boss bei Adnoc niederlegen, kam er nicht nach.
Und Adnoc - kurz für "Abu Dhabi National Oil Corporation" - denkt nicht daran, bei Öl und Gas zu reduzieren. Erst im Oktober hat der Konzern die Genehmigung erhalten, zwei riesige Gas-Felder vor den Emiraten auszubeuten. In Sachen Erdöl soll die Förderkapazität bis 2027 noch einmal deutlich erhöht werden.

Wer ist Sultan Ahmed Al Jaber?

Sultan Ahmed Al Jaber wurde 1973 im kleineren Emirat Umm al-Qaiwain geboren. Sultan ist sein Vorname und kein royaler Titel. Nach Abschlüssen in Chemietechnik und Wirtschaftswissenschaften in Kalifornien und Großbritannien, begann er seine Karriere in den Vereinigten Arabischen Emiraten im Energiesektor.
Öl-Manager Al Jaber wehrt sich grundsätzlich gegen Vorwürfe zu seiner Doppelrolle. Ein Gipfel-Sprecher stellt das gegenüber ZDF frontal so dar:
Auch wenn einige einen Interessenskonflikt sehen, liegt es tatsächlich in unserem gemeinsamen Interesse, jemanden mit umfassender Erfahrung in der gesamten Energiewertschöpfungskette für diese Rolle zu haben.
Sprecher der COP28
Tatsächlich ist Al-Jaber auch Minister für Industrie und Fortschrittstechnologien in den Emiraten, Sondergesandter für den Klimawandel sowie Vorsitzender von Masdar, einem globalen Unternehmen für erneuerbare Energien. Erfahrung aus der Branche bringt er also mit. Für den Klimagipfel hatte er als Ziel formuliert, die Zahl der Erneuerbaren weltweit zu verdreifachen - immerhin eine Forderung, die viele Klimaverbände begrüßen.

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NGOs fürchten "doppelte Agenda" und haben kein Vertrauen

Al Jaber habe sich über das Jahr viel Zeit genommen, um zuzuhören, analysiert David Ryfisch von der NGO "Germanwatch", die die Klimakonferenzen seit Jahrzehnten beobachtet: "Er hat eindeutig auch enormen internationalen Druck auf seine Person verspürt. Dies hat sich positiv ausgewirkt."
Weniger ambitioniert sind Al Jabers Ansichten zur Reduktion aufseiten der Produzenten. Öl und Gas sollen erst einmal weiter ausgebeutet werden, nur eben "klimaneutral".
Er setzt dabei auch auf die unterirdische Speicherung von CO2, das abgetrennt und eingelagert werden soll. Eine Idee dafür: Erdgas besteht aus Kohlenstoff und Wasserstoff. Wenn der Kohlenstoff abgespalten wird, bleibt nur noch Wasserstoff. Den Wasserstoff klar abzuspalten und dann klimaneutral und sicher zu exportieren, ist schwierig. Alle Arten der sogenannten Carbon Capture and Storage"-Verfahren benötigen zum einen selbst viel Energie, zum anderen sind sie teuer und nicht breit erprobt. Kritiker sehen darin einen Weg, wie sich fossile Unternehmen ihre Emissionen schön rechnen können.
Beobachter sehen die Doppelrolle von Al Jaber deshalb kritisch:
Es ist zu befürchten, dass er eine doppelte Agenda fährt.
David Ryfisch, "Germanwatch"
Das diplomatische Vorgehen eines COP-Präsidenten sei mit entscheidend für die Konsensbildung - vor allem in den letzten Stunden, wenn auf höchster Ebene verhandelt wird, so Ryfisch: "Vermutlich erst in den letzten Tagen der COP werden sich die wahren Prioritäten des COP-Präsidenten zeigen."
Auch die Klimabewegung "Fridays for future" ist skeptisch. Sprecherin Clara Duvigneau schreibt auf frontal-Anfrage:
Wir haben keinen Anlass, der fossilen Industrie und damit auch Sultan Al Jaber zu vertrauen.
Clara Duvigneau, "Fridays for future"

Und das, obwohl der Kontinent für unter zehn Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich ist. Beim Afrika-Klimagipfel fordern die Staaten mehr Gerechtigkeit.

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Problematische personelle und technische Verflechtungen?

Die Doppelrolle als Adnoc-Chef und COP-Präsident hatte laut mehrerer Recherchen bereits problematische Folgen. Dokumente, die die "BBC" einsehen konnte, zeigen, dass Al Jabers Team vor dem Klimagipfel mit Regierungen über mögliche Adnoc-Öl-Geschäfte sprechen wollte. Das Emirate-Team bestreitet diese Gespräche auch nicht, schweigt aber zum Inhalt: Sie seien "privat".
Laut dem "Guardian" sind zudem Mails an die Organisatoren der Klimakonferenz zeitweise über Adnoc-Server gelaufen - der Öl-Konzern hätte den Schriftverkehr dann mitlesen können. Der COP-Sprecher entgegnet auf frontal-Anfrage, dass die Präsidentschaft über "ein eigenständiges IT-System" verfüge, dessen Betrieb "völlig unabhängig und autonom" sei.

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Laut Recherchen des "Centres for Climate Reporting" soll es auch personelle Verflechtungen geben. Im Team rund um die Präsidentschaft sind demnach ein Dutzend ehemaliger Adnoc-Mitarbeiter. Das ergab eine Auswertung ihrer LinkedIn-Profile. Der COP-Sprecher antwortete lapidar, man habe sich ein "vielfältiges Team aus VAE- und globalen Experten zusammengestellt".

Wer bestimmt den COP-Präsidenten?

Das Gastgeberland bestimmt traditionell seinen Präsidenten für die Konferenz. Um den Einfluss etwas gleichmäßiger zu verteilen, wird die Klimakonferenz jedes Jahr auf einem anderen Kontinent ausgetragen. In diesem Jahr sprachen sich die Länder Asiens für die Vereinigten Arabischen Emirate aus.

Übernahme-Gespräche mit deutschem Konzern

Adnoc streckt derzeit auch in Deutschland seine Fühler aus. Es laufen Übernahme-Gespräche mit Covestro, einem Leverkusener Kunststoffkonzern, der auch im Dax gelistet ist. Vergangenes Jahr hatte Adnoc zudem weitere Anteile am österreichischen Gas- und Ölkonzern OMV gekauft. Beide Konzerne versprechen, nachhaltiger werden zu wollen, bisher basieren ihre Geschäftsmodelle jedoch vor allem auf fossilen Rohstoffen.
Es ist üblich, dass Minister der austragenden Länder die COP-Präsidentschaft übernehmen. Doch mit seinen Wurzeln im Gas- und Öl-Geschäft ist Sultan Al Jaber eine äußerst umstrittene Personalie. Er selbst sieht seinen Hintergrund als Chance, um alle Seiten zusammenzubringen. Man wolle "niemanden zurücklassen", schreibt sein Sprecher. Wie ambitioniert die Maßnahmen für den 1,5-Grad-Weg am Ende aussehen, wird sich in zwei Wochen zeigen.
Elisa Miebach ist Redakteurin in der Umwelt-Redaktion.
Julia Klaus ist Redakteurin bei frontal.

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