Interview

: Warum Erdogan das Getreideabkommen braucht

04.09.2023 | 20:30 Uhr
Russland hat das Getreideabkommen nach Gesprächen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan nicht erneuert. Doch wieso ist der Deal für Erdogan so wichtig?

Das Verhältnis zwischen der Türkei und Russland sei sehr vielfältig, sagt Expertin Daria Isachenko. Es gebe gegenseitige Abhängigkeiten – und zwar auf mehreren Ebenen.

04.09.2023 | 19:49 min
Eine Erneuerung des Abkommens für Getreideexporte aus der Ukraine konnte auch nach Gesprächen zwischen Kremlchef Wladimir Putin und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nicht erreicht werden. Putin möchte weiterhin die Lockerung von Sanktionen gegen sein Land erreichen, so solle zum Beispiel der Import von Ersatzteilen für landwirtschaftliche Maschinen wieder ermöglicht werden.
Doch wieso setzt sich Erdogan eigentlich für eine Neuauflage des Getreidedeals ein? Und wie sehen die Abhängigkeiten von Russland und der Türkei zueinander aus? Im Gespräch bei ZDFheute live ordnet Politikwissenschaftlerin Daria Isachenko die Beziehung von Russland und der Türkei ein und erklärt, wieso Erdogan den Getreidedeal braucht.

Daria Isachenko...

... ist Politikwissenschaftlerin am Centrum für angewandte Türkeistudien (CATS) von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die türkisch-russischen Beziehungen, regionale Zusammenschlüsse und Kooperationen in Eurasien sowie regionale und zwischenstaatliche Konflikte.

Quelle: Stiftung Wissenschaft und Politik

Sehen Sie oben das ganze Interview im Video oder lesen Sie es hier in Auszügen:
Das sagt Daria Isachenko...

... zum Verhältnis zwischen der Türkei und Russland

Beide Seiten seien aus verschiedenen Gründen aufeinander angewiesen, so Isachenko. Sie bezeichnet die Partnerschaft als eine "problemlösende Partnerschaft".
Das heißt, die haben viele Fragen, die sie zu lösen versuchen, und wichtig dabei ist, ob sie es schaffen, eine für beide Seiten vorteilhafte Lösung zu finden.
Daria Isachenko, Politikwissenschaftlerin
Seit dem letzten Treffen von Putin und Erdogan im Oktober 2022 sieht sie keine grundsätzliche Änderung im Verhältnis zueinander. Momentan sehe es so aus, dass die Partnerschaft so weiterlaufe, da beide Seiten sehr aufeinander angewiesen seien. So zum Beispiel in Syrien, wo sowohl die Türkei als auch Russland Akteure im Bürgerkrieg sind.

Der russische Präsident hat sich beim Treffen mit dem türkischen Präsident Erdogan gegen einen neuen Getreidedeal ausgesprochen. Erdogans Vermittlungsversuch scheiterte.

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Im Fall von Syrien würde Isachenko sogar davon sprechen, dass die Türkei Russland mehr brauche. Auch seien beide Länder bei Konflikten in Libyen oder im Südkaukasus involviert.

... zu der Frage, wer wen mehr brauche

Insgesamt sei das Verhältnis zwischen der Türkei und Russland laut Isachenko aber so vielfältig, dass es eine gegenseitige Abhängigkeit gebe. Dies sei auf mehreren Ebenen der Fall:
  • Auf der bilateralen Ebene: Handel, Tourismus und Zusammenarbeit im Energiesektor, zum Beispiel beim geplanten Bau eines neuen russischen Atomkraftwerks in der Türkei.
  • Beim regionalen Konfliktmanagement: Zusammenarbeit in Syrien, Libyen, im Südkaukasus und im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg auch im Schwarzmeerraum.

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Dabei habe die bilaterale Ebene Auswirkungen auf die regionale Ebene und umgekehrt. Außerdem gebe es noch "den Faktor Westen". Dort brauche die Türkei Russland mehr, so Isachenko.
Was Ankara vom Westen nicht bekommt, bekommt man von Moskau.
Daria Isachenko, Politikwissenschaftlerin
Dazu gehöre zum Beispiel der Kauf von russischen Luftabwehrsystemen. "Und das ist natürlich ein Mehrwert für Moskau."

Sehen Sie hier die gesamte Sendung von ZDFheute live zum Thema "Erdogans Machtpoker mit Putin".

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... zu der Frage, wieso die Türkei den Getreidedeal brauche

Der Getreidedeal sei zum einen für die eigene Wirtschaft der Türkei wichtig, so Isachenko. Außerdem brauche die Türkei den Deal, da Ankara sich auch in Afrika positioniere. Die Türkei wolle sich dort die Unterstützung der Staaten garantieren. Afrikanische Staaten hatten zuvor eine Verlängerung des Getreidedeals gefordert, um die Lebensmittelpreise vor Ort nicht zu gefährden.
Nicht zuletzt habe die Türkei bereits beim ersten Getreideabkommen auf einen Schritt in Richtung Waffenstillstand zwischen der Ukraine und Russland gehofft, so Isachenko. Stabilität im Schwarzmeerraum sei laut einer Aussage des türkischen Außenministers Hakan Fidan besonders wichtig für die Türkei, erklärt Isachenko. Das Abkommen habe dafür eine wesentliche Rolle gespielt:
Wir haben gesehen, als der Deal da war, war es im Schwarzmeer relativ ruhig, im Gegensatz zu jetzt.
Daria Isachenko, Politikwissenschaftlerin
Das Interview bei ZDFheute live führte Alica Jung.
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