: Namibias Wasserstoff und Deutschlands Ziele

von Marcus Groß
02.04.2024 | 12:16 Uhr
In Namibia will eine deutsche Firma in einem Joint Venture künftig grünen Wasserstoff produzieren. Das soll das Land im Süden Afrikas voranbringen - und hier die Energiewende.
Energie der Zukunft? Namibia setzt auf die Produktion von grünem Wasserstoff. (Simulation der Anlage)Quelle: Enertrag
Das kleine Städtchen Lüderitz liegt direkt an der südafrikanischen Atlantikküste; etwa 19.000 Menschen leben hier. Noch heute erinnert das Stadtbild an die durch Gewalt und Völkermord gekennzeichnete deutsche Kolonialzeit.
In der Bucht vor Lüderitz, 80 Kilometer südlich des Ortes, sollen schon in ein paar Jahren, geschützt vor den Wellen und Winden des Atlantiks, riesige Tankschiffe mit "grünem" Ammoniak beladen werden. Lüderitz und Namibia sollen so in Zukunft dazu beitragen, dass Deutschland und Europa ihre Klimaschutzziele erreichen und bis zur Mitte des Jahrhunderts CO2-neutral werden. Für regenerative Energien herrschen in dem Land im südlichen Afrika die besten Voraussetzungen - Sonne und Wind gibt es im Überfluss.

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Jährlich bis zu sieben Gigawatt Strom mit Wind und Sonne

An der Umsetzung des Mega-Projekts in Namibia ist der Brandenburger Windstrom-Produzent Enertrag maßgeblich beteiligt. Enertrag plant - gemeinsam mit dem namibischen Partnerunternehmen Hyphen und dem britischen Finanzinvestor Nicholas Holdings - pro Jahr sechs bis sieben Gigawatt Strom mit Wind und Sonne zu erzeugen. Zum Vergleich: Der aktuelle Maximalverbrauch Namibias liegt bei knapp über 600 Megawatt (0,6 Gigawatt).
Aus dem grünen Strom sollen vor Ort Wasserstoff und daraus in einem zweiten Schritt Ammoniak produziert werden.

Ammoniak

Ammoniak als Energieträger für Wasserstoff wird durch Ammoniak-Synthese hergestellt. Bei diesem chemischen Prozess reagieren Wasserstoff und Stickstoff, wobei flüssiges Ammoniak entsteht. Diese Flüssigkeit wird in Tanks gelagert und ist somit leicht zu transportieren.
Namibia gilt wegen seiner natürlichen Voraussetzungen als eines der attraktivsten Länder weltweit für die Produktion von kostengünstigem, grünem Ammoniak. Das Gas zählt zu den Green Fuels und ist ein wichtiger Baustein der Energiewende. Bis 2035 werden in Deutschland voraussichtlich 3,5 Millionen Tonnen Ammoniak pro Jahr benötigt. Ein Teil davon soll aus Namibia kommen.

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Vorbereitungen für Enertrag-Hyphen-Projekt laufen

Zurzeit werden am 4.000 Quadratkilometer großen Standort die Vorbereitungen für den Windpark getroffen. Dazu werden Windmessmasten aufgestellt. Sie sollen die besten Positionen für die Windräder ermitteln. Der Baubeginn ist nach Angaben von Enertrag für 2026 geplant. Ab 2030 sollen demnach zwei Millionen Tonnen grüner Ammoniak im Jahr produziert werden.
Quelle: ZDF
Deutschland will sich in Zukunft in eine Wasserstoff-Wirtschaft verwandeln und Marktführer auf dem neu entstehenden Markt werden. Mehr als 50 Prozent seines Wasserstoffs wird Deutschland jedoch in Zukunft importieren müssen. Teil der Strategie sind deshalb Partnerschaften mit anderen Ländern, darunter Namibia.
Mittels großer Solar- und Windkraftanlagen soll ausreichend erneuerbare Energie für die Gewinnung von Wasserstoff zur Verfügung stehen. (Simulation)Quelle: Enertrag

Habeck-Ministerium unterstützt Wasserstoff-Projekt

Das Enertrag-Hyphen-Projekt ist auf dem Weg, zu einem "Auslandsprojekt im strategischen Interesse der Bundesrepublik" zu werden. Mitte März überreichte Wirtschaftsminister Robert Habeck die unterzeichnete offizielle Interessensbekundung. Das ermögliche eine "mehr als sonst übliche Unterstützung durch unsere Außenwirtschaftsinstrumente", sagte der Grünen-Politiker.
Namibia will in den kommenden Jahren zu einem Marktführer für den Export von grünem Wasserstoff bzw. Ammoniak und energetisch unabhängig werden. Auch wirtschaftlich möchte das Land von ausländischen Investitionen profitieren. Das Enertrag-Hyphen-Projekt will während der Bauzeit der Anlagen rund 15.000 und während des Betriebs etwa 3.000 Arbeitskräfte beschäftigen. 30 Prozent der Projektausgaben sollen vor Ort getätigt werden.
Mithilfe der zukünftigen Hafeninfrastruktur können große Mengen Ammoniak unter anderem nach Deutschland verschifft werden.Quelle: Enertrag

Ökologische Bedenken bei Projektstandort

Die Kritik an der Standortwahl kommt aus dem südafrikanischen Land selbst. Chris Brown, Chef der Namibian Chamber of Environment, warnt vor den ökologischen Folgen, da das Projekt-Gelände im Nationalpark Tsau Khaeb liegt. Das Gebiet beherbergt 20 Prozent aller Pflanzenarten in Namibia auf nur zwei Prozent der Landesfläche.
Bei seinen energiepolitischen Partnerschaften stehe Deutschland in der Verantwortung, sagte Habeck auf einer früheren Reise in das Land. "Das Letzte, was wir akzeptieren dürfen, ist eine Art von grünem Energie-Imperialismus." Wind und Sonne könnten in Namibia die Energie für eine nachhaltige Entwicklung liefern, vorausgesetzt, die Partnerschaften finden auf Augenhöhe statt.
Enertrag führt nach eigenen Angaben zur Zeit vor Ort Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfungen nach EU-Richtlinien durch. Ziel sei es, das Projekt so sozial- und umweltverträglich wie möglich zu entwickeln.
Marcus Groß ist Redakteur im ZDF-Landesstudio Brandenburg.

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