Exklusiv

: Ein Oscar-Gewinner als Autokraten-Filmer

von Carina Huppertz, Julia Klaus, Jaya Mirani, Ulrich Stoll
05.03.2024 | 11:00 Uhr
Hollywood-Regisseur Oliver Stone fiel bereits mit unkritischen Putin-Porträts auf. Interne Dokumente zeigen Pläne für weitere Autokraten-Dokus - eine wurde bereits umgesetzt.

Hollywood-Regisseur Oliver Stone fiel bereits mit unkritischen Putin-Porträts auf.

05.03.2024 | 07:27 min
Er gewann dreimal den Oscar und wurde bekannt mit Filmen über die ganz großen amerikanischen Themen: Der Filmemacher Oliver Stone. Seine Blockbuster über den Vietnam-Krieg oder die Ermordung von John F. Kennedy machten ihn berühmt. Doch Stone suchte auch die Nähe von Autokraten, darunter die des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Stones Interview-Reihe mit dem Kreml-Chef von 2017 wurde als "Propaganda-Porno" kritisiert.
Interne Dokumente belegen nun, dass mit Oliver Stones bekanntem Namen weitere Autokraten-Porträts geplant waren. Die Papiere liegen ZDF Frontal, dem "Spiegel", dem "Standard", dem "Tagesanzeiger", dem russischen Investigativmedium "iStories", dem Rechercheverbund "OCCRP" und dem kasachischen Investigativportal "Vlast" vor. So war eine "Oliver Stone Dokumentation" über den belarussischen Diktator Alexander Lukaschenko sowie über Aserbaidschans Langzeit-Herrscher Ilham Aliyev geplant. In letzterer heißt es:
Oliver Stone wird Präsident Ilham Aliyev persönlich interviewen und in mehreren Gesprächen nicht nur die Frage des Aufstiegs vom Führer zum Staatsoberhaupt berühren, sondern auch alle Fragen der farbenfrohen und faszinierenden Geschichte Aserbaidschans.
Film-Pitch für Aliyev-Dokumentation
Für den Lukaschenko-Film lag bereits eine Art Drehplan vor. Lukaschenko, der kommendes Jahr erneut gewählt werden will, sollte demnach eine Molkerei besuchen, um die glänzenden Seiten des Landes zu zeigen: "Russland hat schwarzes Gold in Form von Öl, Belarus hat weißes Gold in Form von Milch!"
Pläne für "Oliver Stone Dokumentation" über Aserbaidschans Herrscher Ilham Aliyev.Quelle: ZDF Frontal

Porträt über Kasachstans Langzeit-Herrscher

Mit Stone als prominentem Interviewer ist bereits 2021 eine Dokumentation über den ehemaligen kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew entstanden. Der Langzeit-Herrscher hatte fast 30 Jahre lang das Land regiert, zwischenzeitlich trug die Hauptstadt seinen Namen.
In seiner Amtszeit wurde der Oppositionsführer ermordet, Journalisten eingeschüchtert und Wahlen mehrfach verschoben, bei denen Nasarbajew schließlich Ergebnisse von 90 Prozent und mehr einfuhr. Internationale Wahlbeobachter sahen die Prinzipien von freien und gleichen Wahlen nicht erfüllt.
Ein Whistleblower, mit dem ZDF Frontal sprechen konnte, erhebt nun schwere Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Film:
Gleich von Beginn an hat die kasachische Seite den ganzen Entstehungsprozess des Films sehr streng kontrolliert. Die ganze Kommunikation lief hauptsächlich durch die Referenten von Nasarbajew.
Whistleblower

Der alte und neue Präsident Aserbaidschans – allerdings hoch umstritten. Aliyev führt das Land mit autoritärer Hand, es grassieren Korruption und soziale Ungleichheit.

14.02.2024 | 06:50 min

Wunsch-Liste für Filmemacher: Von Reitern bis zur Universität

Interne E-Mails belegen, welche Ansprüche die kasachische Seite an den Film hatte. So erreichte die Produktionsfirma eine Liste mit 22 Wünschen, was gezeigt werden sollte, darunter:
  • "Zeigen Sie unbedingt die Geschichte Kasachstans (Reiter, 90 Prozent der Truppen Dschingis Khans, Kasachstan gilt als Geburtsort der Türkei, von Attila, der Goldenen Horde, die ersten Reiter überhaupt formierten sich in Kasachstan)."
  • "Es wurde eine hochmoderne Nasarbajew-Universität gebaut, deren Rektor ein japanischer Staatsbürger und Wissenschaftler ist"
In der Dokumentation werden tatsächlich ausführlich nachgestellte Reiterszenen, die Geschichte des Landes und der japanische Rektor gezeigt.

Sendehinweis frontal

Quelle: ZDF
Mehr zu dem Thema sehen Sie am Dienstag bei frontal. Am 5. März um 21 Uhr im ZDF und in der ZDF-Mediathek.

Warum hat sich der Hollywood-Star darauf eingelassen?

Wer den Film schaut, könnte fragen, warum Interviewer Stone in den Gesprächen als reiner Stichwortgeber erscheint - sollte er Kritik geäußert haben, taucht sie in der zweistündigen Dokumentation nicht auf. Stone widerspricht Nasarbajew nicht einmal, als dieser die Demokratie als "Shitokratie" - als "Scheißokratie" verunglimpft.
Warum hat sich der Hollywood-Filmer Stone darauf eingelassen? Der Whistleblower will dafür den Grund kennen:
Geld. Nur Geld! Stone war einfach nur das Gesicht, und er wusste das. Ich kann definitiv sagen, dass Oliver Stone sich selbst nicht für die Geschichte Kasachstans interessiert hatte.
Whistleblower
Oliver Stone reagiert nicht auf mehrfache Anfragen von ZDF Frontal. Der Oscarpreisträger hatte sich und seine Arbeit einmal so beschrieben: "Ich glaube, dass ich ein ehrlicher Filmemacher bin" - selbst bei Filmen, bei denen er durch Finanzen oder schlechte Produzenten beeinträchtigt gewesen sei. Stone wörtlich: "Ich habe immer das gemacht, was ich machen wollte, und das Beste daraus gemacht."
Doch der Produzent der Kasachstan-Dokumentation ist bereit, zu reden. Igor Lopatonok bestreitet einen Einfluss der kasachischen Seite - niemand habe ihm "befohlen, welche Fragen gestellt werden". Er bestätigt hingegen, dass Stone von der Existenz der Pläne für die anderen Autokraten-Dokus wusste. Unsere Fragen werden Lopatonok schnell zu viel - er beleidigt und bedroht uns plötzlich:
Wir werden euch persönlich verfolgen. Wir werden eure Quellen verfolgen. Wir werden das öffentlich machen, wir werden eure Glaubwürdigkeit zerstören.
Igor Lopatonok, Produzent

Kasachstan distanziert sich von Russland, will den Krieg gegen die Ukraine nicht unterstützen. Kirgisistan ist noch auf die Gunst Moskaus angewiesen.

20.06.2023 | 28:45 min

Oliver Stone als "Propagandist für Nasarbajew"

Die Investigativjournalistin Joanna Lillis lebt in Kasachstan und hat ein Enthüllungsbuch über die kasachische Politik geschrieben. Für Frontal hat sie die Nasarbajew-Doku analysiert und kommt zu einem klaren Fazit:
Oliver Stones Rolle besteht im Grunde genommen darin, ein Propagandist für Nasarbajew zu sein. Oliver Stone als Interviewer und der Film als Medium sind die Vehikel für Nasarbajew, um seine eigene Propaganda zu verbreiten.
Joanna Lillis, Investigativjournalistin in Kasachstan
Propaganda-Filme für Autokraten und Diktatoren - der Fall Stone ist nicht der erste dieser Art. Im November 2023 hatte Frontal mit seinen Recherchepartnern aufgedeckt, dass der Putin-Biograf und ehemalige ARD-Journalist Hubert Seipel mindestens einen 600.000 Euro schweren Sponsoren-Vertrag für ein Buch mit einem Putin-nahen Oligarchen geschlossen hatte.
Die Journalistin Lillis kritisiert solche Praktiken von westlichen Filmemachern aufs Schärfste:
Die Menschen des Landes haben es verdient, dass verantwortungsvolle westliche Filmemacher die Wahrheit über ihre Führer oder ihre Länder sagen, und nicht, dass sie irgendeine rosige, rosafarbene, spektakuläre Sicht auf diese Länder präsentieren.
Joanna Lillis, Investigativjournalistin in Kasachstan

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