: Catcalling: Ist ein Verbot denkbar?

von Svenja Hagen, Jan-Frederik Fischer
03.07.2022 | 14:27 Uhr
Anzügliche Aufforderungen oder Hinterherpfeifen - "Catcalling" ist in Deutschland oft legal. Doch wie realistisch ist ein Verbot und wie kann man sich wehren?
Mehrere Initiativen kämpfen in Deutschland mit bunter Kreide gegen "Catcalling". Quelle: Paul Zinken/dpa
"Geiler Arsch" – immer wieder berichten Frauen, dass ihnen das hinterher gerufen wird. Es ist ein Fall von "Catcalling". In Deutschland ist das nicht verboten - anders als in Spanien, wo das Gesetz zuletzt verschärft wurde.
Doch könnte sich das auch hier ändern - und was kann man eigentlich dagegen unternehmen?

Catcalling: Darum geht es

Der Begriff steht für verbale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. Im Urban Dictonary werden Catcalls als "unhöfliche, sexuelle Bemerkungen auf der Straße von Männern gegenüber Frauen" definiert. Typische Beispiele sind laut Experten:
  • aufdringliche, sexuelle Aufforderungen
  • Hinterherpfeifen
  • auf das Aussehen bezogene "Komplimente"
Auch wenn "Catcalling" körperliche Übergriffe ausschließt, empfinden Opfer es oft als Vorstufe dazu und haben Angst, dass es nicht beim "Calling" bleiben könnte.
Instagrampost zdfheute
Vor allem Frauen, die LGBTQI-Gemeinschaft, aber auch Männer sind von "Catcalling" betroffen. Viele werden regelmäßig Opfer.
Mögliche Folgen sind zum Beispiel:
  • Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls
  • Minderung des Sicherheitsgefühls im öffentlichen Raum
  • Verhaltensänderungen

#stopptsexuelleBelästung in Stuttgart

Maya und Ruth wollen mit dem Hashtag #stopptsexuelleBelästigung auf das Thema aufmerksam machen. Mit ihrem Instagram-Account "CatcallsofStuttgart" haben sie sich Vorläufern aus New York und München angeschlossen. Mit Kreide schreiben sie Zitate auf die Straße. Die Ereignisse schildern ihnen Betroffene.
Instagrampost von catcallsofstuttgart
Maya sieht in ihren Aktionen einen wichtigen Beitrag - in Deutschland müsse mehr über sexualisierte Gewalt gesprochen werden. Denn: "Catcalling" passiere jeden Tag und werde immer noch behandelt, als gebe es das Problem nicht.
Es ist ein riesen Tabuthema, das in unserer Gesellschaft totgeschwiegen wird, was es Betroffenen um so schwerer macht.
Maya, "CatcallsofStuttgart"
Doch das sei nicht genug: Politiker*innen müssten das Thema ernst nehmen. Ruth und Maya fordern daher konkrete Maßnahmen - politisch und gesellschaftlich.

"Cat Calls", das sind sexuell aufgeladene Kommentare von Männern gegenüber Frauen in der Öffentlichkeit, gegen die fünf Frauen aus Mainz vorgehen.

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Wie kann man sich wehren?

In Deutschland ist "Catcalling" in der Regel kein eigener Strafbestand. Bisher ist sexuelle Belästigung nur dann strafbar, wenn sie mit einer Ehrverletzung einhergeht. Rechtsexpertin Julia Sperr erklärt: "Allein die Aussage: 'Schnecke, komm mal rüber' oder 'Hey Süße', würde nicht ausreichen."
Beleidigungen wie "Schlampe" hingegen schon. Denn: Sie würden das Opfer in seiner Ehre herabsetzen und daher unter den Beleidigungstatbestand fallen. Auch, wenn die Belästigung mehrmals passiere, könne diese als "Nachstellung" gewertet werden. Die Hürden seien aber groß.
Grundsätzlich könne man zunächst aber alle Fälle von "Catcalling" anzeigen. Doch es seien dann Einzelfallentscheidungen. Eine Verletzung des Schamgefühls des Opfers reiche nicht aus. Außerdem müsse man die Daten des Täters vorweisen können.

Wie realistisch ist ein Verbot in Deutschland?

Auf Nachfrage von ZDFheute erklären die drei Ampel-Parteien:
SPD: möchte eine mögliche Neuregelung, etwa als Ordnungswidrigkeit oder Strafbestand prüfen. "Catcalling" zu sanktionieren, sei eine Möglichkeit, jedoch sei es schwierig, zumutbare Verhaltensweisen von sanktionswürdigem Unrecht zu unterscheiden.
Canan Bayram (Grüne): "Catcalling" zu einer Ordnungswidrigkeit zu erklären, sei eine denkbare Lösung - als erster Schritt, um eine gesellschaftliche Auseinandersetzung anzustoßen. Doch: verbale Belästigung sei oft schwer zu beweisen. Eine praktische Wirkung müsse geprüft werden.
Nicole Bauer (FDP): steht einer Verankerung des "Catcallings" im Strafrecht skeptisch gegenüber:
Statt staatlicher Verbote brauchen wir hier ein beherztes Eingreifen der Zivilgesellschaft, Aufklärung und Erziehung.
Nicole Bauer, FDP
Außerdem äußerte sich die Linke:
  • Die Linke: positioniert sich gegen eine Strafrechtsverschärfung. Es brauche eher eine Sensibilisierung der Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten für sexualisierte Gewalt.
Die Bundestagsfraktionen von AfD und Union haben bisher nicht geantwortet. Insgesamt scheint aber: Eine zeitnahe Verschärfung der Gesetzte, um "Catcalling" zu ahnden, ist nicht in Sicht. Stattdessen setze man auf die gesellschaftliche Debatte.

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