: AfD hängt alle anderen Parteien auf TikTok ab

von Nils Metzger
10.02.2024 | 08:18 Uhr
Auf TikTok und YouTube hat die AfD deutlich mehr Reichweite als die restlichen Parteien. Wie groß der Abstand ist, zeigt eine neue Analyse. Dahinter steckt eine klare Strategie.

Extremisten richten sich mit ihrer Propaganda in kurzen Clips auf TikTok verstärkt an Kinder und Jugendliche. Die Strategien sind ausgefeilt - die Gefahr der Indoktrinierung groß.

06.02.2024 | 02:11 min
"Jeder dritte junge Mann hatte noch nie eine Freundin. Du gehörst dazu? Schau keine Pornos, wähle nicht die Grünen, (…) und vor allem, lass dir nicht einreden, dass du lieb, soft, schwach und links zu sein hast. Echte Männer sind rechts."
1,4 Millionen Aufrufe hat Maximilian Krah allein mit diesem Kurzvideo auf TikTok erreicht. Der AfD-Spitzenkandidat bei der Europawahl nutzt die Plattform, um für die AfD eine neue, junge Zielgruppe anzusprechen. Und die Zahlen zeigen: Die Strategie geht auf.

AfD spricht über soziale Medien junge Menschen an

Wie groß der AfD-Erfolg auf TikTok und weiteren sozialen Medien ist, hat der Politikberater Johannes Hillje untersucht. Seine Zahlen liegen ZDFheute exklusiv vor und zeigen: Auf vielen Plattformen ist die AfD deutlich erfolgreicher als die anderen großen Parteien.
TikTok-Videos des offiziellen Kanals der AfD-Bundestagsfraktion etwa erreichten zwischen Januar 2022 und Dezember 2023 im Schnitt 430.000 Impressionen pro Video. Die FDP kam auf rund 53.000, die restlichen Parteien lagen noch weiter zurück. Die Zahl der Impressionen gibt an, wie häufig der Inhalt Nutzern angezeigt wurde.
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"Die AfD hat die effektivste Social-Media-Kommunikation unter den Parteien", sagt Hillje, der 2014 als Wahlkampfmanager für die Grünen gearbeitet hatte und seitdem freiberuflicher Berater ist. "Andere Parteien überlassen der AfD nicht nur einzelne Plattformen wie TikTok, sondern auch die politischen Emotionen im Land."
Es mangelt den anderen Parteien an einer effektiven Social-Media-Kommunikation auf Basis demokratischer Emotionen.
Johannes Hillje, Politik- und Kommunikationsberater

Die Jugendorganisation der AfD, die Junge Alternative, darf vom Verfassungsschutz als gesichert extremistisch eingestuft werden. So entschied das Verwaltungsgericht in Köln.

06.02.2024 | 01:39 min

Wie sieht es auf den anderen Plattformen aus?

Die AfD hat mehr als doppelt so viele Facebook-Fans wie die restlichen Parteien. Auf YouTube dümpeln die anderen Parteien bei unter 30.000 Abonnenten, die AfD hat teils mehr als das zehnfache. Bei den durchschnittlichen Aufrufen pro YouTube-Video liegt die AfD bei fast 37.000. Die CSU erreicht noch knapp über 10.000, die anderen Parteien finden im Schnitt nicht einmal 5.000 Zuschauer je Video.
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Bei den Instagram-Followern liegt die AfD zwar hinter den Grünen, hat aber die deutlich aktiveren Nutzer. Die Interaktionsrate pro Post, also der Prozentsatz der Follower, die einen Inhalt kommentieren, liken oder teilen, ist laut Hilljes Analyse mit rund 3,6 Prozent etwa doppelt so hoch wie der der anderen Parteien.
Gesammelt wurden die Daten mit der kommerziellen Analyse-Software FanpageKarma, die es erlaubt, die Reichweite öffentlicher Seiten in den sozialen Medien zu untersuchen.
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Gründe für den AfD-Erfolg sieht Hillje in einem hohen Ressourceneinsatz und emotionalen Botschaften. AfD-Politiker würden ihre Parlamentsreden etwa für die sozialen Plattformen optimieren.

Welche Strategie verfolgt die AfD auf TikTok?

Wer den TikTok-Erfolg der AfD mit für sich beansprucht, ist Erik Ahrens. Der rechte Aktivist aus dem Umfeld der "Identitären Bewegung" hat für den AfD-Spitzenkandidaten Maximilian Krah eine Reihe von Videos erstellt und "betrieb" nach eigenen Angaben dessen TikTok-Kanal.
Krah selbst betonte gegenüber der Nachrichtenseite "t-online", dass aktuell kein Dienstleistungsverhältnis bestehe, bestätigte aber, dass Ahrens in der Vergangenheit beauftragt wurde. Seit Jahren baut Ahrens rechte Kampagnen in den sozialen Medien auf - insbesondere auf TikTok. Bei einem Vortrag am rechtsextremen Institut für Staatspolitik in Schnellroda im September 2023 gab er Einblicke in sein Vorgehen.

Bereits 2018 hatte eine AfD-Delegation dem syrischen Diktator Bashar al-Assad vorgeschlagen, nach Deutschland geflohene Syrer in das Bürgerkriegsland "zurückzuführen".

23.01.2024 | 06:50 min

Ahrens: "90 Minuten in deren Gehirn, wo man reinsenden kann"

"Diese Videos finden von allein ihr Publikum. Das ist so, wie man sich 1923 gefühlt haben muss, als man das Radio für sich entdeckt hat. So fühle ich mich, wenn ich meine TikTok-Accounts anschaue", sagte Ahrens. Ein bewusst gewählter historischer Vergleich? Für den Aufstieg des Nationalsozialismus war das Radio eine zentrale Technologie.
"Unsere Botschaft, wie wir sie formulieren, nicht wie die Medien sie framen, nicht wie sie aus zweiter, dritter Hand gefactchecked, debunked ist", beschrieb Ahrens einen Vorzug sozialer Medien. Mit Blick auf die durchschnittliche Nutzungsdauer von TikTok unter 14- bis 19-Jährigen in Deutschland sagte er:
Man hat 90 Minuten am Tag ein Fenster in deren Gehirn, wo man reinsenden kann.
Erik Ahrens, rechter Kampagnenmanager

Bessere Wahlergebnisse bestätigen die AfD-Strategie

Für den Kommunikationsexperten Hillje zeigt die TikTok-Offensive bereits Wirkung an der Wahlurne: "Die TikTok-Reichweite der AfD ist ihr Schlüssel zur jungen Wählerschaft. Bei der Bundestagswahl 2021 kam sie bei einem Gesamtergebnis von 10,3 Prozent unter Erstwählenden nur auf sechs Prozent", sagt Hillje.
"Seitdem wurden auf Bundes- und Landesebene die TikTok-Aktivitäten deutlich ausgebaut, was mutmaßlich zu den besseren Ergebnissen unter Jungwählenden bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen beigetragen hat." In Hessen lag die AfD bei den Erstwählern bei 15 Prozent, in Bayern bei 16 Prozent.

Neben den Großdemos in Berlin oder Bremen gab es auch viele Kundgebungen gegen Rechtsextremismus in kleinen Städten und in Hochburgen der AfD - das erfordert Mut.

05.02.2024 | 02:31 min

Warum Kanal-Sperrungen auf TikTok wenig bringen

Eine laut Ahrens zentrale Sorge rechter Kanäle sei die Sperrung durch Plattformbetreiber. Sie könnten "einen mühsam aufgebauten YouTube-Kanal wie den von Martin Sellner nach Jahren des Inhalteproduzierens und hunderttausenden Abonnenten einfach von heute auf morgen löschen". TikTok hingegen funktioniere dank des Algorithmus "genau gegenteilig".
"Jedes neu hochgeladene Video (…) wird auch zufällig irgendwelchen Leuten in die Timeline gespült. Das heißt, wenn man ein Video hochlädt, bekommt man eine garantierte Grundreichweite." Wird ein Account gelöscht, könne sich die Person einfach einen neuen erstellen und innerhalb kürzester Zeit dieselbe Reichweite erzielen. "Das ist der Grund, warum jeder den Namen Andrew Tate kennt, das hat er die letzten zweieinhalb Jahre so gemacht, während er von jeder Plattform gesperrt war", sagt Ahrens.

Andrew Tate ist der "König der toxischen Männlichkeit" und Teenager lieben seinen Auftritt als Alpha-Mann. Die Polizei ermittelt wegen Vergewaltigung und Menschenhandel.

13.05.2023 | 15:17 min
Tatsächlich dürfte der AfD-Vorsprung vor den anderen Parteien noch deutlich größer sein. Denn die Partei setzt wie kaum eine andere auf ein Netzwerk an Unterstützer-Accounts, die Partei-Inhalte in eigene Videos packen und mit reißerischen Titeln verbreiten.
Die AfD verfügt über ein äußerst digitalaffines Vorfeld. Das Vorfeld ist ein Reichweiten-Booster für die AfD.
Johannes Hillje, Politik- und Kommunikationsberater
Die "Junge Alternative", die "Identitäre Bewegung" und anderen rechte Bewegungen seien wichtige Eckpfeiler eines digitalen Netzwerks, das in der Lage sei, gemeinsame Aktionen zu koordinieren. "Diese Netzwerke multiplizieren die Reichweite der AfD auf Social Media", so Hillje.

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