: Influencer: Islam nicht Radikalen überlassen

von Michael Haselrieder, Julia Theres Held
29.11.2023 | 21:31 Uhr
Islamistische Gruppen in Deutschland schüren Hass gegen Israel. Vor allem über Soziale Medien versuchen sie, Einfluss zu gewinnen. Aber es gibt auch Muslime, die dagegenhalten.

Islamistische Gruppen nutzen den Krieg im Nahen Osten, um im Internet vor allem junge Menschen zu radikalisieren.

28.11.2023 | 08:25 min
Der Angriff der Hamas und der Gaza-Krieg haben die Atmosphäre im Kinder- und Jugendzentrum Arche in Berlin verändert, sagt Wolfgang Büscher. Seit fast 20 Jahren arbeitet er in der Arche, aber so aufgeladen wie derzeit sei die Stimmung noch nie gewesen. Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen stamme aus muslimischen Familien. Sie bewege der Krieg ganz besonders.
Wie weit aber manchmal auch der Hass geht, hat Büscher selbst zu spüren bekommen, als er eine israelische Flagge am Jackett trug: "Ein kleiner Junge, ungefähr elf Jahre alt, sagte zu mir plötzlich: 'Du, Wolfgang, ich hasse dich. Mein Opa kommt aus Palästina und die Juden haben uns unser Land weggenommen. Und wir hassen alle Juden.'"

Beim Angriff auf das Supernova-Festival am 7. Oktober starben mehr als 360 Menschen. Fünf Überlebende berichten von ihren traumatischen Erfahrungen und dem Kampf zurück ins Leben.

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Arche: Raum geben und Grenzen setzen

Solchen radikalen Gedanken versuchen sie in der Arche etwas entgegenzusetzen. Sie wollen Antisemitismus bekämpfen und liberale Werte vermitteln. Soziale Medien wie Instagram, Tiktok oder Youtube sind für die Kinder und Jugendlichen die wichtigsten Informationsquellen. Der 14-jährige Ebrahim schaut sich täglich Videos aus dem Gazastreifen an. Seit der Krieg angefangen hat, habe er etwa zwei- bis dreihundert Videos gesehen, "wo die Leute sterben", erzählt Ebrahim den Reportern von ZDF frontal.
In der Arche lassen sie die Kinder und Jugendlichen mit diesen Bildern nicht allein und reden über den Konflikt. In einer Diskussion mit Arche-Gründer Bernd Siggelkow gibt ein 13-jähriger Junge aus Afghanistan den Ton an. Er sieht Israel als Aggressor und zeigt Verständnis für den Hamas-Angriff: "Israel hat immer mehr angegriffen, immer mehr Land erobert. Und jetzt wollen die Palästinenser das wieder zurückerobern."
Siggelkow fragt ihn: "Sie wollen ihr Land zurückholen, indem sie Kinder und Frauen umbringen?" In der Arche wollen sie unterschiedlichen Perspektiven Raum geben, aber auch klare Grenzen setzen.

Muslimischer Influencer kämpft gegen Hass

Wie sehr sich die Lage seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober in Deutschland verschärft hat, beobachtet auch Navid Wali. Der 33-jährige Influencer aus Frankfurt am Main ist mit drei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Er ist gläubiger Muslim und will etwas dagegen tun, dass radikale Prediger im Netz seine Religion kapern. Denn die islamistische Szene sei derzeit so selbstbewusst und radikal wie selten zuvor, beobachtet Wali:
Die Instrumentalisierung meines Glaubens, das ist mein Antrieb, um dagegenzuwirken.
Navid Wali, Influencer
Auf seinem Instagram-Kanal @theplugnavid setzt Wali sich mit islamistisch-extremistischen Positionen auseinander: "Radikale Influencer arbeiten sehr stark mit aktuellen Bildern. Sie instrumentalisieren das Leid der Palästinenser, um die eigene Zielgruppe zu emotionalisieren und zu mobilisieren - so wie wir es auf manchen Demonstrationen in den vergangenen Wochen gesehen haben."

"Generation Islam" mit schweren Vorwürfen

Zum Beispiel bei einer Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz Ende Oktober. Redner ist Ahmad Tamim von der Gruppierung "Generation Islam". Er prangert an, dass Deutschland an Israels Seite steht und kritisiert, "dass es die Aufgabe des deutschen Staates ist, dass sie das, was Israel gerade tut, den Genozid im Konzentrationslager von Gaza, dass sie das bedingungslos unterstützen".

Nach den Demos Anfang November entbrannte eine Debatte um Pro-Palästina Proteste. Der Umgang mit Islamisten auf Demos ist eine Herausforderung für den Rechtsstaat.

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Gaza - ein Konzentrationslager? ZDF frontal fragt nach bei "Generation Islam". Ein Interview aber gibt die Gruppierung nicht. Die Antwort veröffentlicht sie über Youtube und versucht sich zu rechtfertigen: "Der Begriff 'Konzentrationslager' ist zunächst einmal nicht im Kontext des Dritten Reiches entstanden, sondern er ist weitaus älter. Die Begriffsgeschichte geht bis auf den kubanischen Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien zurück."
Influencer Navid Wali will seinen Glauben nicht den Extremisten überlassen. Quelle: ZDF
Für Navid Wali ein Ablenkungsmanöver: "Mit dem Kontext unserer Geschichte in Deutschland und vor allem mit dem, was wirklich Konzentrationslager sind, ist es eine absolute Verharmlosung, Relativierung dieser Geschichte."
Den Islam nicht den Extremisten überlassen. Weder im Netz noch auf der Straße. Dafür kämpfen sie in der Arche und dafür kämpft auch Navid Wali.

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