: So kann Kinderarmut bekämpft werden

von Larissa Hamann
06.07.2023 | 14:42 Uhr
Mehr als jedes fünfte Kind wächst in Armut auf. Nach einer Umfrage würden laut Kinderhilfswerk zwei Drittel der Befragten mehr Steuern für den Kampf dagegen zahlen. Was hilft noch?
Einige Familien sind auf die Unterstützung der Tafeln für Lebensmittel angewiesen.Quelle: dpa/Carsten Koall
45 Prozent sind laut einer Umfrage im Auftrag des Kinderhilfswerks der Meinung, dass der Staat und die Gesellschaft eher wenig zur Bekämpfung von Kinderarmut machen. 27 Prozent finden es sogar sehr wenig. Und nur sieben Prozent der Erwachsenen und fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen glauben, dass sehr viel zur Reduzierung der Kinderarmut getan wird.

Informationen zu der Umfrage

  • Im Auftrag des Kinderhilfswerk hat das Sozial- und Politikforschungsinstitut Kantar Public im Januar 2023 Kinder und Erwachsene befragt.
  • Es wurden wurden 682 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 10 und 17 Jahren sowie 1.011 Erwachsene (deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren) befragt.
  • Die Kinder und Jugendliche wurden Online befragt. Die Befragung der Erwachsenen wurde als repräsentative telefonische Bevölkerungsumfrage konzipiert.
  • Alle Fragen wurden Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen gleichermaßen gestellt, allerdings wurde den Kindern und Jugendlichen ein Fragebogen mit Formulierungen vorgelegt, die der Altersgruppe angepasst worden waren. Quelle: Deutsches Kinderhilfswerk
Mehr finanzielle Unterstützung sowie gute Orte zum Lernen und Spielen könnten das vielleicht ändern. Denn laut Kinderhilfswerk kann mit diesen beiden zentralen Aspekten Kinderarmut am besten bekämpft werden. Der Kinderreport im Überblick:

Gründe für Kinderarmut

Ursache für Kinderarmut - nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung wächst jedes fünfte Kind in Armut auf - ist nach Ansicht einer Mehrheit der Befragten ein zu niedriges Einkommen der Eltern: 83 Prozent der Erwachsenen und 93 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind dieser Meinung. Zu wenig Unterstützung von Alleinerziehenden, beispielsweise finanziell oder durch Kinderbetreuung, sehen 78 Prozent der Erwachsenen und 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen als Ursache.

Kindergrundsicherung soll es einfacher machen

Kindergeld, Kinderfreibetrag oder Unterhaltszuschuss - es gibt verschiedenste Arten finanzieller Unterstützung für Familien mit Kindern. Doch die müssen einzeln und oft kompliziert beantragt werden. Deswegen will die Ampel-Regierung die Kindergrundsicherung.

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Die Kindergrundsicherung soll laut Regierung Leistungen, die es schon gibt, bündeln, erweitern - und sie sollen unkompliziert beantragt werden können. Auch das Kinderhilfswerk ist dafür: Sie müsse Kinder und Familien finanziell absichern, aber auch Gesundheit, Mobilität, Freizeit und soziale Teilhabe sicherstellen.

Orte für Teilhabe und Bildung

Auch Orte für die gesellschaftliche Teilhabe und Bildung müssen laut Kinderhilfswerk erhalten und ausgebaut werden - etwa Kindertagesstätten und Schulen, Musikschulen oder Vereine. Dort könne mehr getan werden:
  • mehr Lehrkräfte, Erzieher*innen und Sozialarbeiter*innen
  • kostenlose Bücher und andere Schulmaterialien
  • kostenloses Frühstück und Mittagessen in Kitas und Schulen
  • freier Eintritt zu Kultur-, Sport- und Freizeiteinrichtungen
Diese Punkte werden laut Kinderhilfswerk von einem Großteil der Befragten unterstützt: insbesondere kostenlose Bücher und Lehrmittel (96 Prozent) sowie mehr Fachkräfte und Sozialarbeiter*innen in Schulen und Kitas, die sich um benachteiligte Kinder kümmern (92 Prozent). Denn 81 Prozent der Erwachsenen sind der Meinung, dass von Armut betroffene Kinder weniger Chancen auf einen guten Bildungsabschluss haben und sich Armut dadurch fortsetzt.

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Mehr Mitbestimmung gewünscht

Frühe Mitbestimmung kann für Kinder laut Hilfswerk die Folgen von sozialer Benachteiligung kompensieren. Der Umfrage zufolge sind über 90 Prozent der befragten Kinder dafür, in der Schule und in der Familie mehr mitreden zu können.
Auch auf Bundes- oder kommunaler Ebene wünschen sich 70 Prozent Mitbestimmung. Das könne laut Kinderhilfswerk so umgesetzt werden:
  • Wahlalter stufenweise weiter heruntersetzen
  • mehr Interessenvertretungen von Kindern gründen
  • Kinderrechte im Grundgesetz verankern
  • Beteiligungsrechte für Kinder auch in Landesverfassungen und Gemeindeordnungen oder Kommunalverfassungen aufnehmen

Günstiger Wohnraum

Laut Umweltbundesamt sind Menschen mit geringerem Einkommen und Bildung tendenziell stärker von negativen Umwelteinflüssen wie Lärm oder Luftschadstoffen betroffen. Außerdem haben laut Kinderhilfswerk Kinder, die von Armut betroffen sind, eher weniger oder schlechtere Spielplätze in ihrer Nähe als Kinder in privilegierteren Gegenden.
In Stadtteilen mit einem höheren Anteil von Bürgergeld-Beziehenden seien auch Kita-Betreuungsquoten niedriger und die Übergangsquoten von der Grundschule auf ein Gymnasium geringer.

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91 Prozent der Befragten unterstützen zudem politische Maßnahmen für günstigen Wohnraum gegen Kinderarmut. Deshalb fordert das Kinderhilfswerk, dass bezahlbarer und geeigneter Wohnraum für Familien geschaffen und erhalten wird.
Hierfür braucht es dringend Investitionen in den sozialen Wohnungsbau und die Stadtentwicklung.
Kinderhilfswerk

Mehr Steuern zur Finanzierung

Viele der Verbesserungen des Kinderhilfswerk kosten Geld. Doch woher soll das kommen? Laut der Umfrage des Kinderhilfswerk wären 62 Prozent der Befragten Erwachsenen bereit, mehr Steuern zu zahlen, wenn damit das Problem der Kinderarmut in Deutschland wirkungsvoll bekämpft würde.
Allerdings ist die Befragung laut Kinderhilfswerk eher fiktiv, da Steuern nicht zweckgebunden sein dürfen. Dennoch kritisiert das Werk die Argumentation des Bundesfinanzministeriums, dass nicht genug Geld da sei. Denn die Einnahmen könnten gesteigert werden "wenn der politische Wille dazu vorhanden wäre - an der Bevölkerung würde dies nicht scheitern."
Außerdem fordert das Kinderhilfswerk, Familien mit unteren und mittleren Einkommen mehr zu entlasten als Eltern, die gut oder sehr gut verdienen.

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