Interview

: "Es hat keinen Sinn, Angst zu haben"

25.04.2023 | 20:11 Uhr
Die Deutschen Mareike Röwekamp und Horst Schauer haben den Ausbruch der Kämpfe im Sudan hautnah miterlebt. Mit der Bundeswehr konnten sie am Montag ausgeflogen werden.
Eigentlich wollten Mareike Röwekamp und Horst Schauer zu Fuß den afrikanischen Kontinent durchqueren. Gestartet sind sie in Tunesien, ihr Ziel war Südafrika: Gemeinsam laufen Mareike Röwekamp und Horst Schauer quer durch Afrika. Als die Kämpfe im Sudan am Samstagmorgen beginnen, hängen sie dort fest.  
Nur mit Rucksack und der Kleidung am Körper konnten sie aus dem Sudan ausgeflogen werden. Ihre gesamten anderen Habseligkeiten mussten sie im Sudan zurücklassen. Kurz nach ihrer Ankunft in Berlin mussten sie erstmal einkaufen. Ob sie ihre Reise wieder aufnehmen, wissen sie noch nicht.

So kamen Röwekamp und Schauer im Sudan unter

Anouar (rechts), Chef des Hotel Sanaa, nimmt uns auf und kocht für unsere Gruppe. Das erste warme Essen nach sieben Tagen! Später riskiert er sein Leben, um uns einen Wagen zu organisieren.

Quelle: Sudan, Mareike Röwekamp und Horst Schauer

ZDFheute: Wie haben sie die letzten Tage erlebt?
Horst Schauer: Es ist emotional schwierig, wenn Sie nicht genau wissen, wie lange Sie noch dableiben, Sie ständig in Bedrohung sind, weil immer Soldaten um Sie herum sind, die Sie mit der Waffe bedrohen. Wir wussten an dem Tag der Evakuierung morgens nicht, dass es losgeht. Und es hätte auch abgebrochen werden können. Das wäre sehr an die Substanz gegangen. Vor allen, wenn Sie von jeglichen Informationen abgeschnitten sind. Dieses Abgeschnittensein ist fürchterlich.
Mareike Röwekamp: Und wir sind auch bestürzt über das, was in dem Land passiert. Es gab zivilgesellschaftliche Bestrebungen, eine Staatsform aufzubauen, die tragfähig sein sollte. Das ist mit diesen Ereignissen wieder sehr weit zurückgeworfen. Das einfache Leben wird noch einmal schwieriger.
ZDFheute: Haben Sie um Ihr Leben gebangt?
Schauer: Gelegentlich.
Röwekamp: Es war bedroht, das war ja gar keine Frage. Aber man lebt dann einfach so, wie man leben kann. Und hofft, dass es irgendwann aufhört.             
Schauer: Es hat keinen Sinn, Angst zu haben, dass bringt Sie nicht weiter. In manchen Momenten, wenn die vor Ihnen stehen und Geld verlangen oder Handys oder irgendetwas, und Sie haben das nicht, könnte es auch jeden Moment zu Ende sein. Das sind ja 13-, 14-jährige Jungs, die da vor Ihnen stehen.
ZDFheute: Wer hat Ihnen geholfen?
Röwekamp: Ich denke, wir haben uns gegenseitig geholfen. Wir waren zu zehnt in einem Hotel eingeschlossen, das im Regierungsviertel liegt, sehr zentral und nicht weit vom Präsidentenpalast entfernt. Der war aber sehr hart umkämpft.
Wir waren eine Gruppe aus sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten: Zwei Italienerinnen, ein Grieche, ein brasilianischer Archäologe aus Oxford, zwei Philippinerinnen, ein Herr aus Uganda. Und jeder hat eine andere Sicht auf die Dinge, einen anderen Humor und andere Informationslage. Das hat schon geholfen, dass man gegenseitig seine Quellen teilen konnte. Und ein ganz herzlicher Dank geht natürlich auch an die Bundeswehr, die hervorragende Arbeit geleistet hat.
ZDFheute: Wie lief die Evakuierung ab?
Röwekamp: Wir haben uns den Italienern angeschlossen, auf dem Weg zu ihrem Evakuierungspunkt. Das war die teuerste Taxifahrt unseres Lebens: Für 800 Dollar sind wir ungefähr 30 Minuten zu diesem Sammelpunkt gefahren. Von dort ging es mit dem Bus zum Militärflughafen, durch mehrere Kontrollen durch. Die Sudanesen, die mit dem Bus saßen, mussten aussteigen, weil sie wohl nicht den richtigen Pass hatten.
Am Militärflughafen wurden wir begrüßt vom französischen Militär und hatten direkt darauf Kontakt mit dem Personal der deutschen Botschaft vor Ort. Gegen 20 Uhr sind wir losgeflogen, in ein deutsches Militärcamp nach Jordanien. Dort gab es wieder Sicherheitschecks, eine Registrierung und etwas zum Essen. Und von dort aus haben wir dann eine andere Maschine genommen, die uns dann nach Berlin gebracht hat.
Schauer: Wir haben im Vorfeld immer versucht, die deutsche Botschaft zu kontaktieren. Allerdings nur zweimal am Tag, weil wir kein Strom, kein Wasser, einfach nichts hatten. Also haben wir die Geräte dann morgens und abends immer kurz angemacht und nachgefragt. An dem Morgen, als wir schon unterwegs waren, hat die deutsche Botschaft geschrieben, man könne jetzt zu diesem Flughafen. Aber es war ungeheuer schwer, da hinzukommen. Die Botschaft hatte erstmal keine Empfehlung, dann hieß es, man solle sich den Franzosen im Konvoi anschließen, dann kam die Empfehlung, sich möglicherweise den Spaniern anzuschließen, für die Deutschen gab es keinen fixen Punkt.
Röwekamp: Trotzdem muss man sagen: 'Lang lebe die europäische Kooperation.' Also wie das dann funktioniert hat und dass sie uns auf die Liste gesetzt haben, das hat alles hervorragend geklappt.
ZDFheute: Wie haben Sie dann von der Evakuierung erfahren, wenn es die technischen Probleme gab?
Röwekamp: Wir haben die Nachricht, dass evakuiert werden soll, über unsere mitreisenden Italiener zuerst erfahren.             
Schauer: An dem Morgen, als es möglich war, haben die Deutschen auch SMS geschickt, aber die haben halt nur ein paar Menschen erreicht. Viele konnten dann auch am Anfang nicht mit, weil sie einfach nicht zu dem Flugplatz kamen. Aber das ist jetzt nicht der Fehler von irgendjemanden, sondern das ist der Situation geschuldet.
ZDFheute: Das ist ja eine Odyssee, was Sie da beschreiben. Wie haben Sie das erlebt?
Röwekamp: Es war insgesamt eine sehr angespannte Lage, weil nicht klar war, wie es um uns herum aussieht. Wo sind sichere Orte? Es wurde immer noch geschossen. Die Logistik vor Ort ist kompliziert gewesen. Uns hat ein sudanesischer Hotelbesitzer ganz aufopferungsvoll den Wagen besorgt, der uns zum Treffpunkt gefahren hat. Das war ganz toll. Also es war logistisch schwierig, informationstechnisch sehr schwierig und insgesamt war die Lage einfach sehr angespannt.         
Ein Interview von Sherin Al-Khannak und Lara Wiedeking.

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