: Wenn das Herz plötzlich still steht

von Annette Kanis
30.11.2022 | 12:40 Uhr
Sie kommen ohne Vorwarnung: Auch Sportler sind von Herzrythmusstörungen betroffen - etwa der dänische Fußballspieler Christian Eriksen. Was bei einem Herzstillstand Leben rettet.
Ein Schockmoment bei der Fußball-EM im Sommer 2021: Das dänische Team stellt sich schützend vor Christian Eriksen, der während des Spiels zusammengebrochen ist. (Archivbild)Quelle: 21-1977301
Das Herz flimmert und steht dann wie aus dem Nichts still. In Deutschland sterben pro Jahr etwa 65.000 Menschen an einem plötzlichen Herztod. Er ist die Folge eines akuten Herz-Kreislauf-Zusammenbruchs.
Den dänischen Fußballspieler Christian Eriksen traf der Herzstillstand mitten auf dem Fußballfeld. Während des EM-Spiels gegen Finnland im Juni 2021 brach der damals 29-Jährige einfach zusammen. Er konnte durch Herzdruckmassage und Defibrillator erfolgreich wiederbelebt werden.

Was einen Herzstillstand auslösen kann

Ein gesundes Herz schlägt ruhig und regelmäßig im Takt. Wenn es ab und zu stolpert oder kurz aussetzt, ist das per se noch nicht gefährlich. "Grundsätzlich sind Herzrhythmusstörungen ein Ausdruck dafür, dass das Herz in der Elektrik gestört ist, dass irgendwie eine Veränderung, Narbenbildung, Entzündung des Herzens da ist", sagt Martin Halle, Sportkardiologe vom Klinikum rechts der Isar an der TU München.
Es gibt nicht so gefährliche, wie auch sehr gefährliche Herzrhythmusstörungen.
Prof. Martin Halle, Sportkardiologe vom Klinikum rechts der Isar an der TU München

Kammerflimmern gefährlicher als Vorhofflimmern

"Die sehr gefährlichen gehen von der Herzkammer aus und zeigen eine Vernarbung des Herzmuskels an. Und die können durchaus dann zu Rhythmusstörungen führen, die dann auch Herzstillstand bedeuten", erklärt Halle. Im Gegensatz zum Kammerflimmern gilt Vorhofflimmern als weniger gefährlich. "Das kann man gut tolerieren und ist deshalb die eher gutartige Rhythmusstörung."
Der Fall Eriksen ist nicht der einzige. Immer wieder kommt es zu ähnlichen Zwischenfällen auf dem Fußballplatz, auch mit Todesfolge. Ob angeborene, nicht erkannte Herzfehler, krankhaft bedingte Veränderungen oder eine verschleppte Infektion, die den Herzmuskel angegriffen hat, was genau zu den lebensbedrohlichen Situationen führt, ist nicht immer klar.

Herzdruckmassage rettet Leben

Steht das Herz still, kommt es zu Bewusstlosigkeit und Atemstillstand. Es drohen schwere Gehirnschäden, da das Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt wird. Eine Überlebenschance besteht nur, wenn unverzüglich mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen wird.
Dennoch sind die Rettungsmöglichkeiten laut Deutscher Herzstiftung gering. Nur fünf bis zehn Prozent der Wiederbelebungsversuche sind erfolgreich.
Die Überlebenswahrscheinlichkeit hängt wesentlich von der Schnelligkeit und der Qualität ab, mit der die Erstmaßnahmen zur Wiederbelebung eingeleitet und durchgeführt werden, so die Herzstiftung weiter. In jeder Minute, in der ein Patient mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand nicht mittels Herzdruckmassage behandelt wird, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent.

Was tun bei plötzlichem Herztod?

Quelle: Peter Kneffel/dpa
Finden Sie eine bewusstlose Person vor, sollten Sie sofort einen Notruf absetzen (bundesweit 112) und mit Herzdruckmassagen beginnen. Ist ein automatisierter externer Defibrillator (AED) vor Ort und gibt es mindestens zwei Helfer, sollten Sie den AED unbedingt einsetzen.

Wie funktioniert ein automatisierter externer Defibrillator?

Quelle: imago
Sie hängen in U-Bahn-Stationen, an Sportplätzen und in öffentlichen Gebäuden: Defibrillatoren. Genauer automatisierte externe Defibrillatoren, kurz AED.

Während die erste helfende Person die Herzdruckmassage durchführt, kann der AED von einer zweiten Person geholt und aktiviert werden. Ein Sprachcomputer gibt Anweisungen zur Handhabung, so können auch Laien einen AED zum Einsatz bringen. Dieser kann durch einen Elektroschock den normalen Herzschlag wieder herstellen.

In winziger Form werden Defibrillatoren auch implantiert. Sie erkennen lebensbedrohliche Rhythmusstörungen und können diese im Notfall durch gezielte Stromstöße beenden.

Warum man keine Atemspende machen sollte

Studien haben gezeigt, dass bei einem akuten Herzstillstand noch mehrere Minuten ausreichend Sauerstoff im Blut ist. Er kommt aber wegen des fehlenden Blutflusses nicht zum Gehirn. Deshalb ist eine Herzdruckmassage, mit der ein künstlicher Blutfluss erzeugt wird, so wichtig.

Eine Patientin oder ein Patient mit einem Herzstillstand hat also kein "Sauerstoff-Mangel-Problem", sondern ein "Sauerstoff-Transport-Problem". Nicht die Beatmung, sondern die Herzdruckmassage ist in der Frühphase einer Wiederbelebung die lebensrettende Maßnahme. Wird die Herzdruckmassage unterbrochen - z.B. für eine Atemspende - sterben sofort zahlreiche Gehirnzellen ab.

Quelle: Deutsche Herzstiftung

Auch Sport wieder möglich - wie bei Eriksen

Überlebt man den Herzstillstand und hat keine bleibenden Schäden davon getragen, ist nach einer Phase der Rehabilitation sogar Sport wieder möglich. Auch Christian Eriksen ist weiter auf dem Fußballplatz aktiv, steht aktuell im WM-Kader der dänischen Nationalmannschaft in Katar. Ihm wurde ein Defibrillator, ein sogenannter ICD, implantiert. Dieser erkennt Herzrhythmusstörungen und reagiert im Ernstfall mit Elektroschocks, um sie zu beenden.

Wie funktioniert ein ICD?

ICD steht für implantierbarer Kardioverter/Defibrillator. Er wird in einem kleinen Eingriff unterhalb des Schlüsselbeins unter die Haut geschoben und dort eingenäht. Schlägt das Herz plötzlich sehr schnell, kann das Gerät mehrere Stromimpulse hintereinander abgeben. Dadurch wird der zu schnelle Herzschlag "überholt" (overpacing).

Hilft das nicht und kommt es zum Kammerflimmern, gibt der ICD einen einzelnen, stärkeren Stromstoß ab, um das Herz wieder in einen normalen Rhythmus zu bringen. Manchmal sind dafür mehrere solcher Schocks nötig.

Kardiologe sieht Leistungssport mit Defibrillator kritisch

"Es ist eine gute Lebensversicherung [...], einen Defibrillator eingebaut bekommen zu haben, aber es ist nicht die absolute Garantie", sagt Sportkardiologe Halle.
Und deswegen ist Leistungssport mit Defibrillator für mich keine Option.
Prof. Martin Halle, Sportkardiologe vom Klinikum rechts der Isar an der TU München
Halle stuft das Risiko für Leistungssportler als zu hoch ein, nochmals einen plötzlichen Herzstillstand zu erleiden, vielleicht dann mit tödlichen Folgen.
In dem Fall Eriksen hätte ich ihm geraten, eine Trainerkarriere anzustreben und nicht jetzt noch mal ein, zwei Jahre leistungsmäßig Fußball zu spielen.
Prof. Martin Halle, Sportkardiologe vom Klinikum rechts der Isar an der TU München
"Und ganz kann ich diejenigen, die ihn freigegeben haben für den Leistungssport, das kann ich nicht nachvollziehen", so Halle. "Ich hätte es anders entschieden."

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