: Ein Protestchen wird's wohl werden

von Frank Hellmann
09.03.2023 | 12:17 Uhr
Dass Gianni Infantino am 16. März als FIFA-Präsident wiedergewählt wird, ist so gut wie sicher. Wie sich aber der DFB bei der Wahl verhält, noch nicht.
FIFA-Präsident Gianni Infantino (l.) und DFB-Präsident Bernd NeuendorfQuelle: dpa
"Klassenzimmer" nennen sie auf dem DFB-Campus jenen Raum, in denen zumeist Junioren-Nationalspieler längere Vorträge über den Fußball, aber auch mal das Leben hören.
Vielleicht hätte es keinen besseren Ort gegeben, in dem DFB-Präsident Bernd Neuendorf seinen Zwiespalt deutlich macht, in dem der größte Einzelsportverband vor der Wiederwahl des FIFA-Präsidenten Gianni Infantino steckt.

Kein Gegenkandidat für Infantino - weitere Amtszeit sicher

Ohne Gegenkandidaten ist eine weitere Amtszeit des Schweizer beim FIFA-Kongress in Kigali am 16. März nur noch Formsache. Wie aber verhält sich der DFB bei der Abstimmung, zumal die Beziehung zur FIFA nach der aus dem Ruder gelaufenen Debatte um die One-Love-Binde bei der WM 2022 mindestens als arg belastet gilt?
Infantinos Kür wird in Ruandas Hauptstadt wohl wieder per Applaus erfolgen. Bleiben dann die Hände einiger europäischer Delegierter - die sich spätestens zur nächsten Amtszeit darauf verständigen sollten, einen geeigneten Gegenspieler Infantinos aufzubauen - einfach stumm? Es wäre zumindest eine kleine Protestnote.

Vorbild wäre die Norwegerin Lise Klaveness

Der DFB-Boss hat sich zuletzt mit der gegenüber der FIFA sehr kritisch eingestellten norwegischen Verbandspräsidentin Lise Klaveness ausgetauscht. Die mutige Frau war vor einem Jahr bei einem Kongress in Doha sogar ans Rednerpult gegangen, um die FIFA an ihre Vorbildfunktion zu erinnern - in vielen Fragen, von Menschenrechten über Transparenz bis zur Anti-Diskriminierung. Vielen Funktionären stand bei der Courage von Klaveness der Mund offen.
Neuendorf sagt jetzt in Richtung Infantino nur: "Ich habe die Wiederwahl an Bedingungen geknüpft. Ohne Rückmeldung ist es schwer, ihn zu unterstützen." Konkret stört sich der 61-Jährige an dessen vollmundigen Ankündigungen, in Katar so genannte "Migration Working Centers" einzurichten, an die sich Gastarbeiter wenden können.
Oder auch die Einrichtung eines Entschädigungsfonds, den der FIFA-Boss auf einer seiner legendären Pressekonferenzen in Doha ebenfalls versprochen hatte.

Es fehlt immer noch Transparenz

Doch wenn der DFB dazu ganz einfache Frage stelle, was davon umgesetzt sei, bekomme er "keine befriedigenden Antworten" (Neuendorf). Dasselbe gilt übrigens für Frage, ob Saudi-Arabien tatsächlich als Sponsor bei der Frauen-WM 2023 in Australien und Neuseeland auftritt.
Ist das die Transparenz, die man erwarten kann? Das ist vom Umgang problematisch.
Bernd Neuendorf
Neuendorf hält aber nichts davon, "eine Fundamentalopposition" aufzubauen. Der frühere SPD-Politiker und Staatsekretär Nordrhein-Westfalens gibt in diesem Zusammenhang gerne eine Erfahrung aus seinem Berufsleben preis: Oft führe die Politik der kleinen Schritte ans Ziel.
Und wenn es eine Lehre aus der Wüsten-WM gibt, dann doch diese: Sich wie ein Elefant im Porzellanladen aufzuführen, bringt in diesem Geflecht einer Funktionärswelt aus gegenseitigen Abhängigkeiten am wenigsten.

Frauen-WM 2027 soll nach Deutschland kommen

"Wir müssen versuchen, in der Sache vernünftig zu diskutieren", beteuert Neuendorf, der umstrittene FIFA-Vorhaben wie beispielsweise eine riesige Klub-WM ab 2025 in Saudi-Arabien ohnehin nicht mehr stoppen kann.
Der DFB-Präsident wird formal am 5. April auf dem nächsten UEFA-Kongress anstelle von Peter Peters in das FIFA-Council einziehen. Er möchte dann "Protokolle lesen, Anträge aktiv begleiten" - und letztlich will er für den DFB als nächstes Leuchtturmprojekt die Frauen-WM 2027 gemeinsam mit den Niederlanden und Belgien an Land ziehen.
Dafür hat Neuendorf schon Klinken geputzt und viele Gespräche geführt, aber er weiß auch, welche listigen Winkelzüge gerade Infantino anstellt, um seine (Macht-)Interessen durchzubringen. Beim für Zuwendungen jeder Art empfänglichen FIFA-Boss ist man vor bösen Überraschungen nie gefeit.

DFB in Geldnot

Der DFB ist in erhebliche finanzielle Schieflage geraten. Im laufenden Geschäftsjahr werde der Verband 19 Millionen Euro mehr ausgeben als er einnimmt, kündigt der neue Schatzmeister Stephan Grunwald an - und stellt unverblümt fest: "Das kann die nächsten zehn Jahre nicht so bleiben, dann wird der DFB nicht mehr existieren."

Laut Grunwald verursachen vor allem die ausbleibenden Erfolge der A-Nationalmannschaft der Männer das Defizit: "Wir brauchen den sportlichen Erfolg mit der A-Nationalmannschaft: Das ist nichts Anderes als bei einem Bundesligaverein."

Auch die Aberkennung der Gemeinnützigkeit für 2014 und 2015 tue dem Verband weh, denn dadurch mussten allein Rückstellungen von 50 Millionen Euro gebildet werden.

Dritter Kostentreiber ist der Betrieb der Akademie, die locker einen zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr verschlingt, weil das Gelände 15 Mal so groß ist wie das alte Domizil in der Otto-Fleck-Schneise, wo jetzt das Organisationskomitee der EM 2024 untergebracht hat.

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