Interview

: Fratzscher: "Kein Grund, Panik zu schieben"

07.08.2023 | 16:57 Uhr
DIW-Präsident Fratzscher sieht die Lage der deutschen Wirtschaft schwierig, es gebe aber keinen Grund für Panik. Von der Regierung fordert er Rahmenbedingungen für Investitionen.
Berlin: Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW), ArchivbildQuelle: dpa
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) fordert von der Ampel Unterstützung für die deutsche Wirtschaft. Im ZDF-Interview fordert er gute Rahmenbedingungen für neue Investitionen, Subventionen seien das falsche Werkzeug.
ZDFheute: Ich frage mal ganz allgemein. Wie tief ist die Krise wirklich? Wir haben Energieprobleme, Probleme mit Fachkräften. Kann man wirklich von De-Industrialisierung reden?
Marcel Fratzscher: Die wirtschaftliche Lage im Augenblick ist schwierig in Deutschland, gar keine Frage. Aber auch kein Grund, jetzt Panik zu schieben oder den Kopf in den Sand zu stecken.
Wir sehen immer wieder in großen Krisen, großen Wirtschaftskorrekturen, dass die Industrie viel stärker einbricht als andere Sektoren, weil die Industrie sehr stark von den Exporten abhängig ist. Die Weltwirtschaft läuft im Augenblick nicht rund.
Auch in China, den USA, schwächeln die Volkswirtschaften. Aber es gibt überhaupt keinen Grund, heute von einer De-Industrialisierung zu sprechen. Das heißt nicht, dass das Risiko nicht da ist.
Aber ganz objektiv kann man nicht feststellen, dass wir hier ein systematisches Abwandern der Industrie haben. 
Marcel Fratzscher, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

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ZDFheute: Was würden Sie von der Regierung erwarten, auf den Weg zu bringen? 
Fratzscher: Die Bundesregierung muss gute Rahmenbedingungen für Zukunftsinvestitionen setzen. Deutsche Unternehmen müssen innovativer werden. Sie müssen nachhaltiger werden, in E-Mobilität investieren. Sie müssen sich schneller digitalisieren, auch künstliche Intelligenz, neue Technologien schneller annehmen.
Und dafür brauchen sie wenig Bürokratie, verlässliche Rahmenbedingungen, eine gute Infrastruktur von digitaler Infrastruktur, Fachkräfte. All das sind Dinge, die die Bundesregierung als Rahmenbedingungen bereitstellen muss, damit Unternehmen wieder wettbewerbsfähiger werden.
Das heißt Zukunftsinvestitionen müssen jetzt die oberste Priorität haben
Marcel Fratzscher, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

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ZDFheute: Wie könnte man die hohen Energiepreise in den Griff kriegen? Hilft ein Industriestrompreis?
Fratzscher: Deutschland hatte nie komparative Vorteile bei Energiepreisen. Energie war immer teurer in Deutschland als anderswo. Daher sehe ich das Problem heute nicht in vermeintlich hohen Energiekosten und den Industriestrompreis für nicht nur schädlich und teuer, sondern für kontraproduktiv.
Die Unternehmen brauchen keine Subventionen, sondern wir brauchen gute Rahmenbedingungen, um innovativ werden zu können. Diese Transformation, und da muss man sich ehrlich machen, wird bedeuten, dass manche Unternehmen es nicht schaffen werden, aber dadurch auch neue Unternehmen entstehen können.
Die Bundesregierung muss diese Transformation zulassen. Sie darf nicht versuchen, jedes Unternehmen zu retten und alte Strukturen zu zementieren, sondern sie muss Veränderung zulassen.
Marcel Fratzscher, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung
Das Interview führte Karl Hinterleitner

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ZDFheute: Die Union will einen Fünf-Punkte-Plan vorstellen. Hauptpunkte sind sicherlich die Senkung der Netzentgelte, der Kosten und der Strompreise. Wie würden Sie das beurteilen?
Fratzscher: Der Fünf-Punkte-Plan der CDU und CSU scheint nicht besonders gut durchdacht zu sein, da fehlt die Struktur, da fehlt eine klare Strategie. Es scheint mir in manchen Punkten mehr ein Klientel-Programm zu sein, Hochvermögende etwas zu entlasten, aber nicht wirklich ein kluges Wirtschaftsprogramm, das die Wirtschaft in Deutschland systematisch voranbringt.
Da fehlen einfach zu viele Punkte. Daher würde ich das jetzt auch nicht zu hoch hängen. 
 
Quelle: ZDF

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