: Wie Notenbanken die hohe Inflation bekämpfen

von Frank Bethmann
23.06.2023 | 14:37 Uhr
Es ist die Woche der Währungshüter: Zahlreiche Zentralbanken erhöhen die Leitzinsen - teils drastisch. Ein Zeichen dafür, dass uns die hohen Preise länger belasten könnten.
Steigende Preise: Die Inflation hält Europas Notenbanken in AtemQuelle: dpa
Macht mal eine Pause! Das fordern inzwischen immer mehr Ökonominnen und Ökonomen von den Zentralbanken. Nach einer der schärfsten Phasen von Zinsanhebungen, die es jemals gab, sei es nun Zeit, die Wirkung der Erhöhungen abzuwarten, sagt beispielsweise Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor am gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) an der Hans-Böckler-Stiftung.
Aus Sicht von Bundesbank-Präsident Joachim Nagel wäre genau das aber ein "Kardinalfehler", wie er jüngst zu Protokoll gab. Also ein handwerklicher, aus Sicht eines Währungshüters sogar ein schwerwiegender Fehler sei das. Nagel steht mit dieser Ansicht nicht allein. Dass die Welle der Inflation noch längst nicht gebrochen sei, befanden unter der Woche gleich mehrere Zentralbanken. Sie alle drehten weiter an der Zinsschraube.

Türkische Notenbank wechselt Kurs - drastische Zinserhöhung

Dass bei stark steigenden Preisen und dem Verfall der eigenen Währung das Senken von Leitzinsen, um es vorsichtig zu formulieren, höchst unorthodox ist und selten zum Erfolg führt, hat spätestens am Donnerstag die türkische Notenbank einsehen müssen. Unter neuer Führung änderte sie ihren Kurs drastisch und erhöhte den Leitzins gleich um 6,5 Prozentpunkte auf 15,0 Prozent. Zuvor hatte die Türkei trotz einer Inflationsrate von über 85 Prozent vehement eine andere Zinspolitik verfolgt.

Sowohl Großbritannien als auch die Türkei haben mit einer hohen Inflation zu kämpfen. Beide Staaten haben heute den Leitzins erhöht. Valerie Haller berichtet von der Börse.

22.06.2023 | 01:26 min
Während also am Bosporus großer Nachholbedarf besteht und bei weiterhin galoppierenden Preisen nächste Zinsschritte folgen werden, hat der geldpolitische Straffungsprozess in London eine andere Qualität. Überraschend deutlich um einen halben Punkt auf nun 5,0 Prozent erhöht auch die Bank of England den Leitzins. Die Inflation sei hartnäckig. Experten sprechen von einer tickenden Zeitbombe. Im Feuer stehen auf der Insel vor allem Immobilienfinanzierungen - und mit ihnen viele Eigenheimbesitzer.

Britische Eigenheimbesitzer geraten in Not

Sie müssen fürchten, dass sie von heute auf morgen auf der Straße stehen, weil sie ihr Haus oder ihre Wohnung nicht mehr bezahlen können. Denn anders als in Deutschland, wo man sich meist den Bauzins über zehn oder fünfzehn Jahren festschreiben lässt, werden in Großbritannien Immobilien kurzfristig finanziert.

Was versteht man unter Leitzins?

Unter Leitzinsen versteht man die von der zuständigen Zentralbank festgelegten Zinssätze, zu denen sich Geschäftsbanken bei einer Zentral- oder Notenbank Geld beschaffen oder anlegen können. In der Eurozone ist die Europäische Zentralbank (EZB) zuständig für die Festlegung der Leitzinsen. Vorrangiges Ziel der Zentralbanken ist es, ein stabiles Preisniveau mit einer niedrigen Inflationsrate sicherzustellen.

Die EZB strebt dafür ein Inflationsziel von zwei Prozent in der mittleren Frist an. Um die Inflationsrate bei einer vorgegebenen Zielgröße zu halten, kann die Zentralbank die Leitzinsen anheben ("restriktive Geldpolitik") oder auch senken ("expansive Geldpolitik"). 

Quelle: Glossar des Bundesfinanzministeriums

Die scharfen Leitzinserhöhungen schlagen also viel unmittelbarer über die steigenden Hypothekenzinsen auf die Hausfinanzierung durch. Berücksichtigt man zudem die hohen Preise für Strom und Nahrungsmittel, dann bekommen die Briten die anhaltende Teuerung derzeit besonders schmerzhaft zu spüren.

Teuerung auch in Norwegen ein Problem

Aber selbst, wenn man die Preisexplosion bei Energie und Lebensmittel herausrechnet, stellen sie in Norwegen fest, bleibt die Teuerung ein Problem. Die Kerninflation, von der man dann spricht, steigt bei den Skandinaviern sogar. Norwegens Zentralbank erhöht daraufhin ebenfalls die Leitzinsen stärker als erwartet, um 0,5 Prozentpunkte auf 3,75 Prozent.
Es ist genau diese Kerninflation, die auch Joachim Nagel und seinen Mitstreitern im EZB-Rat derzeit das größte Kopfzerbrechen bereitet. In der Eurozone steht der Leitzins aktuell bei 3,5 Prozent. Die EZB denkt über weitere Anhebungen nach und erwartet einen langen Kampf gegen die Inflation.

Notenbanken verfehlen seit 2021 Inflationsziele

Wo man hinschaut, ist die Teuerung mit voller Wucht zurückgekehrt. 15 Jahre mussten sich Währungshüter fast überall auf der Welt um instabile Preise keine Gedanken machen. Nun verfehlen sie seit 2021 ihre selbstgesteckten Inflationsziele deutlich. Der Druck ist hoch. Selbst die US-Notenbank Fed, die sich jüngst zum ersten Mal traute, nach zehn aufeinanderfolgenden Erhöhungen eine Pause einzulegen, hat weitere Zinsschritte angekündigt.
Eine Ausnahme aber gibt es: In der Schweiz, von je her ein Hort der Geldwertstabilität, lag die Teuerungsrate im Mai bei nur noch 2,2 Prozent. Tendenz fallend. Doch, obwohl die Schweizer Nationalbank (SNB) jetzt die Inflation im Griff zu haben scheint, lässt auch sie von einer weiteren Leitzinsanhebung nicht ab; sie erhöhte um 0,25 Prozentpunkte auf jetzt 1,75 Prozent. Die SNB peilt für Preisstabilität einen Zielbereich von null bis zwei Prozent an. Ihr Präsident Thomas Jordan kommentierte daher die jüngste Entscheidung mit den Worten: "Wenn die Inflation höher ist als das Ziel, muss die Geldpolitik natürlich restriktiv sein."

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