: Welche Krisen in den Medien vergessen werden

von David Metzmacher
11.01.2024 | 10:00 Uhr
Die Hilfsorganisation Care untersucht jedes Jahr die Online-Berichterstattung über globale Katastrophen. Demnach wurde 2023, wie schon im Vorjahr, nur wenig über Afrika berichtet.
Ein Anstieg gewaltsamer Konflikte in der Demokratischen Republik Kongo führt zu Vertreibung in Nachbarländer wie Burundi.Quelle: Ninon Ndayikengurukiye/ Care
Neben den großen Themen der täglichen Berichterstattung wie dem Krieg in der Ukraine oder dem Konflikt im Nahen Osten sowie anderen Katastrophen wie dem Erdbeben in Syrien und der Türkei im vergangenen Jahr kommen andere, tiefgreifende humanitäre Krisen in der Welt häufig zu kurz.
Die Hilfsorganisation Care untersucht jährlich und nun bereits zum achten Mal, wie die Online-Berichterstattung über globale Katastrophen ausfällt. Die zehn größten Verlierer des Jahres 2023, also Länder über die trotz einer humanitären Krise mit mehr als einer Millionen Betroffener kaum berichtet wurde, liegen allesamt in Afrika - genau wie im Vorjahr.
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Afrika: Folgen des Klimawandels werden deutlich

Hunger und damit verbundende Mangelernährung, durch den Klimawandel verstärkte Wetterphänomene wie Dürren oder Überflutungen, aber auch Nachwehen alter Konflikte sowie andauernde Auseinandersetzungen - das sind die Krisensymptome der zehn afrikanischen Länder.
Verschärft werde die Situation vom anhaltenden Krieg in der Ukraine, sagt Karl-Otto Zentel, Generalsekretär von Care Deutschland:
Die Preise für Nahrungsmittel haben sich durch diesen Krieg erhöht.
Karl-Otto Zentel, Generalsekretär von Care Deutschland
Es seien "schleichende Krisen", so Zentel. Viele dieser Länder seien über Jahre hinweg in der Negativ-Liste. Doch weil es bei diesen Krisen keine plötzlich eintretenden, katastrophalen Ereignisse gebe, wie etwa das Erdbeben in Syrien und der Türkei mit den entsprechenden Bildern, bleibe die mediale Aufmerksamkeit aus. Zu den "Top-3" - Angola, Sambia und Burundi - sagt Zentel:
Es sind stille Krisen, die sich im täglichen Leben und in der aktuellen Berichterstattung wenig verknüpfen mit dem, was täglich bei uns auf der Agenda steht.
Karl-Otto Zentel, Generalsekretär von Care Deutschland
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Angola auch dieses Jahr wieder oben auf der Liste

Angola im Südwesten Afrikas wird häufig mit dem Bürgerkrieg assoziiert, der sich mit Unterbrechungen von 1975 bis 2002 erstreckte und in dem nach Schätzungen 500.000 Menschen starben.
Etwa eine Million Landminen aus dieser Zeit stellen noch immer eine große Gefahr dar. "Bisher wurden mehr als 85.000 Menschen durch explodierende Landminen verletzt und viele Tausende getötet", schreibt Care in seinem Bericht.

In Ostafrika hat wochenlanger Regen massive Überschwemmungen verursacht. Am gesamten Horn von Afrika musste sich bislang mehr als eine Million Menschen in Sicherheit bringen.

15.12.2023 | 00:18 min

Organisation kritisiert globale Berichterstattung

Mehr als fünf Millionen Online-Artikel hat Care nach eigenen Angaben analysiert. Der deutschsprachige Raum unterscheide sich in seiner Berichterstattung dabei nicht von den anderen Sprachräumen, sagt Zentel.
Weltweit stünden andere Themen auf der Agenda: 2023 habe es laut Care beispielsweise 273.279 Online-Artikel zum neuen Barbie-Kinofilm gegeben - das sind mehr Berichte als über alle zehn Länder auf der Liste.
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Warum Berichterstattung über Krisen wichtig ist

Somit sei der Bericht auch in diesem Jahr wieder eine Aufforderung zum Handeln, sagte Zentel:
  • An Hilfsorganisationen: Um Aufmerksamkeit zu schaffen und Hilfe auszubauen
  • An Medien: An den Krisen dranzubleiben und Zusammenarbeiten mit lokalen Journalisten zu intensivieren
  • An Staaten und Staatenverbünde: Journalisten Zugänge zu ermöglichen und Menschen in betroffenen Gebieten zu unterstützen
Aufmerksamkeit ist der erste Schritt, um etwas an einer Situation zu verändern.
Karl-Otto Zentel, Generalsekretär von Care Deutschland

Für die Studie ...

... hat Care nach eigenen Angaben eigene Daten und Daten von ACAPS, Reliefweb herangezogen, um eine Liste von 48 Krisen zu erstellen. Dafür wurden Länder identifiziert, in denen mindestens eine Million Menschen von Konflikten, Kriegen oder Naturkatastrophen betroffen sind. Diese wurden in Zusammenarbeit mit dem Medienbeobachtungsdienst Meltwater einer Medienanalyse unterzogen und nach der Anzahl der zum Thema publizierten Online-Artikel geordnet. Im Zeitraum vom 1. Januar bis zum 30. September wurden fünf Millionen Online-Artikel in Arabisch, Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch ausgewertet.

Die Organisation Care e.V. ...

... ist eine unabhänge, gemeinnützige Hilfsorganisation, die weltweit in Krisenländern tätig ist. Care e.V. ist Partner des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen.

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