: Diagnose: Hochwasserdemenz

von Ralph Goldmann
11.01.2024 | 13:45 Uhr
Nach den Überschwemmungen der vergangenen Wochen fordern Fachleute mehr Tempo beim Bau moderner Deiche. Fachkräftemangel, Klagen und lange Planverfahren verzögern viele Vorhaben.

Viele Deiche sind nicht auf dem neuesten Stand der Technik und müssen deshalb bei jedem neuen Hochwasser aufwändig gesichert werden - der Sanierungsstau ist groß.

11.01.2024 | 02:30 min
Harry Schulz ist ein umtriebiger Mensch. Seit Jahrzehnten schon arbeitet der Rentner ehrenamtlich für den Deichverband Bislich-Landesgrenze am Niederrhein. Seit knapp einem Jahr ist der 70-Jährige hier der Deichgräf und damit zuständig für die Rheindeiche an 45 Flusskilometern von Wesel bis zur niederländischen Grenze.

Angst vor einem Bruch des Deiches

Der Strom ist zwar gerade dabei, sich wieder in sein Bett zurückzuziehen, doch Harry Schulz blickt mit Sorge auf das, was er jetzt sehen kann. Die Deichstraße zwischen den Orten Rees und Haffen musste er sperren lassen, weil das gesamte Bauwerk über die Jahre immer weicher und instabiler geworden ist. Die Angst vor einem Deichbruch ist groß.

Hochwasser in Deutschland: Wieder einmal laufen Keller voll, Straßen werden unterspült. Hat Deutschland aus den vergangenen Hochwassern gelernt?

09.01.2024 | 08:53 min
Vor vier Jahren habe der Deichverband gemeinsam mit niederländischen Behörden ein entsprechendes Szenario simuliert. Mehr als 100.000 Menschen wären betroffen, hunderte würden ums Leben kommen. Den potenziellen Schaden beziffern die Fachleute auf mindestens 30 Milliarden Euro.
Dann reden wir wirklich von einer Katastrophe. Und so schnell kann man gar nicht gucken, bis in Stunden das Wasser Holland erreicht hat.
Harry Schulz, Deichgräf

Der Frost stabilisiert die Deiche und verschafft vielen Hochwassergebieten eine Verschnaufpause.

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Viele Deiche sind anfällig für Schäden

Insgesamt gibt es an deutschen Flüssen Deiche auf einer Strecke von etwa 10.000 Kilometern. Das Problem: Viele davon - an großen und kleinen Flüssen - sind nicht nach dem neuesten Stand der Technik gebaut. Die älteren Deiche bestehen hauptsächlich nur aus verdichteter Erde oder Sand als Stützkörper. Eine Lehmschicht und die Grasnarbe schützen und stabilisieren den Deich. Jedes Hochwasser, angespültes Treibgut und sogar Biber oder Nutrias sorgen Jahr zu Jahr für neue Schäden.
Diese Deiche sind nicht dafür ausgelegt, lange anhaltende Hochwasser aufzunehmen. Dann werden sie weich, saugen sich voll wie ein Schwamm und werden instabil.
Holger Friedrich, AG Hochwasserschutz
Das erklärt Holger Friedrich vom Arbeitskreis für Hochwasserschutz und Gewässer in NRW. Deshalb müssten sie bei jedem neuen Hochwasser aufwändig gesichert werden. Der Sanierungsstau sei riesig. Moderne Deiche sind zusätzlich mit einer weiteren inneren Schicht aus Kies widerstandsfähiger. Und sie haben eine Art Abfluss, um eindringendes Wasser ableiten zu können.

Wegen des Hochwassers an den Weihnachtstagen war Windehausen in Thüringen evakuiert worden. Nach drei Tagen durften die Bewohner zurück.

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Mangel an Fachkräften oder andere Hindernisse

Doch Planung und Bau neuer Deiche stoßen immer wieder auf Hindernisse. Es fehlen Fachleute und Planer. Mal sind aber auch seltene Pflanzen oder Tiere im Weg, mal hat ein Anwohner was dagegen, mal ist es der Denkmalschutz. Als der Deichverband am Niederrhein 2007 gegründet wurde, da haben sie - nach sechs Jahren Vorbereitung - den Neubau des Deiches beantragt. Das Planfeststellungsverfahren zog sich über all die Jahre und ruhte zwischendurch sogar komplett.
Dann stellte der Kreis Wesel eine Pumpstation am Deich unter Denkmalschutz und schaffte damit ein weiteres Hindernis. Weiter südlich, in Düsseldorf, sorgte der Bund für Umwelt- und Naturschutz mit einer erfolgreichen Klage dafür, dass ein Deich neu geplant werden muss.

Auch wenn sich die Wetterlage ab dem Wochenende bessern soll, ist die Lage in den Hochwassergebieten weiterhin kritisch.

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Holger Friedrich kann sich über so etwas in Rage reden:
Alle versprechen Bürokratieabbau. Es kommt aber bei den Deichverbänden nichts an. Wir müssen dringend an einen Tisch und überlegen, wie wir das gemeinsam schaffen können, zur Not mit Notgesetzen.
Holger Friedrich, AG Hochwasserschutz

Krischer: Hinken hinterher

Das Problem sei erkannt, sagt Landesumweltminister Oliver Krischer von den Grünen. Er ist seit anderthalb Jahren im Amt und gelobt jetzt Besserung: "Da hinken wir in der Tat hinterher, weil es viele lange Planverfahren gegeben hat."

Vor allem in Niedersachen und um die Mittelgebirge war die Lage angespannt. Jetzt beruhigt sich die Hochwasserlage und die Aufräumarbeiten beginnen.

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Deshalb sei man den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht so vorangekommen wie gewünscht. Krischer betont:
Da müssen wir jetzt schneller werden. Das ist unsere Aufgabe.
Oliver Krischer, Umweltminister NRW
Aufgrund der Kliamveränderungen habe man mit immer stärkeren Hochwassern zu rechnen.

Viele Deiche in Deutschland sind in die Jahre gekommen. Bei anhaltendem Hochwasser saugen sie sich voll und können brechen.

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Wasser sinkt und Hochwasserdemenz setzt ein

Bei Rheinkilometer 835 zeigt Holger Friedrich einen dicken Bericht mit grüner Titelseite. "Generalplan Hochwasserschutz am Niederrhein" steht vorne drauf. Die Empfehlungen sind von 1990. Viel hat sich seitdem nicht getan. Ebenfalls in die Jahre gekommen ist der Fahrplan des Landes NRW. Darin wurden 44 neue Deichprojekte festgelegt, die bis 2025 fertig sein sollten. Nur sechs sind es bisher.
Es sei das eingetreten, was immer passiert, wenn die Pegelstände wieder sinken, sagt Holger Friedrich: Hochwasserdemenz. Der Schutz der Deiche gerate nach jedem neuen Hochwasser wieder in Vergessenheit. Am Niederrhein wollen sie nicht noch einmal 16 Jahre warten.
Ralph Goldmann ist Reporter im ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen.

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