FAQ

: Bessere Arznei-Versorgung: Darauf kommt es an

von Katharina Schuster
30.05.2023 | 11:34 Uhr
In den letzten Monaten sind immer wieder Medikamente knapp geworden. Die Engpässe zeigen, wie abhängig Deutschland von Zulieferern ist. Was gegen Medikamentenmangel helfen könnte.
Zuletzt gab es Lieferengpässe bei Antibiotika, Krebsmedikamenten und Fiebersäften für Kinder. Quelle: Imago
Engpässe und Lieferprobleme bei wichtigen Medikamenten haben in den vergangenen Jahren kritische Ausmaße erreicht. Die Ursachen sind komplex. Darauf kommt es laut zwei Experten nun an:

Welche Medikamente sind aktuell knapp?

Aktuell gibt es bei 493 Medikamenten Lieferengpässe, wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gegenüber ZDFheute mitteilt.
Darunter folgende Wirkstoffe:
  • Pantoprazol (zur Behandlung bei Magen- und Darmerkrankungen)
  • Antibiotika (bei Erkrankungen, die durch Bakterien verursacht werden)
  • Budesonid (zur Behandlung von Allergien)
"Aktuell haben wir einen Lieferengpass bei einem Diabetes-Medikament", stellt Dr. David Francas, Professor für Daten- und Lieferkettenanalyse an der Hochschule Worms, darüber hinaus fest. Das sei darauf zurückzuführen, dass das Präparat aktuell auch zum Abnehmen verwendet wird.

Aus welchen Gründen sind Arzneimittel knapp?

Francas diagnostiziert drei Kernprobleme: Zum einen könnten Qualitätsmängel oder technische Probleme in der Lieferkette zu Medikamenten-Mangel führen.
Ein zweites Problem seien Marktaustritte. "Das war sicherlich ursächlich bei den Lieferengpässen von Fiebersäften für Kinder. Der zweitgrößte Zulieferer in Deutschland mit etwa 30 Prozent Marktanteil ist aus dem Geschäft ausgetreten", sagt Francas. "Nun haben wir quasi eine Monopolsituation".
Eine dritte Ursache sei eine gestiegene Nachfrage. "Das haben wir beispielsweise in der Corona-Pandemie gemerkt."

"Es ist notwendig, dass der Bereich der industriellen Gesundheitswirtschaft generell unterstützt wird", so Hubertus Cranz, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller.

02.05.2023 | 05:07 min

Helfen die Pläne von Gesundheitsminister Lauterbach?

Ein neuer Gesetzesentwurf von Gesundheitsminister Karl Lauterbach sieht neue Preisregeln vor, die die Lieferung von Medikamenten nach Deutschland attraktiver machen sollen.
  • Pharmafirmen sollen zu einer längerfristigen Lagerhaltung und einer früheren Engpass-Warnung verpflichtet werden.
  • Hersteller von Antibiotika, die in Europa produzieren, sollen bevorteilt werden.
  • Die Politik hofft, die Produktion damit langfristig wieder stärker nach Europa zu holen.
Der Entwurf sei "sicherlich keine falsche Maßnahme", bilanziert Lieferketten-Experte Francas. "Aber das wird das Problem nicht lösen können, da wir oft gar nicht die Möglichkeit haben im Einkauf zu diversifizieren."
Es fehle an Produktionsstätten in Europa. Zweidrittel der Generika-Wirkstoffe - also Nachahmer-Präparate, die kostengünstiger sind - werden in Asien produziert - in Indien und China, so Francas.

Kann die Arznei-Produktion wieder nach Deutschland geholt werden?

"Das ist naiv zu sagen, wir holen die Produktion zurück", sagt Dr. Ulrike Holzgrabe, Seniorprofessorin für pharmazeutische und medizinische Chemie an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg. Denn: die Produktion sei nicht einfach nachzuvollziehen. Es gebe beispielsweise keine Firma in China, die einen bestimmten Wirkstoff herstellt, sondern mehrere Firmen, die Zwischenprodukte produzieren.
"Es sollte uns das wert sein, mehr zu bezahlen, dafür, dass wir unabhängiger werden von China. Aber wir werden niemals wirklich unabhängig von China sein", sagt Holzgrabe. Die Chinesen hätten "ganz viel übernommen, was wir nicht mehr machen wollen". Halogen-Chemie zum Beispiel soll in Deutschland aus Umweltgründen nicht mehr hergestellt werden - "wer will da ein Risiko eingehen?"
Trotzdem sei es wichtig, so Holzgrabe, bestimmte Produktionsschritte wieder nach Europa zu holen. "Antibiotika sind lebenswichtig", stellt Holzgrabe fest. Da müsse man ansetzen.
Quelle: ZDF/Stock.com

Könnte ein Frühwarnsystem helfen?

Ein Frühwarnsystem helfe nur kurzfristig, sagt Lieferketten-Experte Francas: "Ein Frühwarnsystem dient dem kurzfristigen Management, einen Engpass etwas früher zu erkennen, gewisse Vorwarnung in den Markt zu geben. Es vermeidet keine Engpässe."
In Deutschland fehlt es dem Experten an einer langfristigen Strategie. Bei der Versorgung mit Medikamenten ginge es nicht nur um den Gesundheitsbereich, es spiele auch "eine nationale Sicherheitsstrategie rein und strategische Abhängigkeiten wenn wir über Asien sprechen".

Wo muss in den nächsten Jahren der Fokus gesetzt werden?

"Wir sollten uns vor allem darauf konzentrieren, dass wir genügend Antiinfektiva (zum Beispiel Antibiotika) und Krebsmedikamente haben", sagt Holzgrabe. Da habe "Herr Lauterbach schon Recht". Doch das sei nicht ganz einfach. Mittel wie Penicillin und Cephalosporine, die wir in großen Mengen bei Infektionen einnehmen, ließen sich noch relativ einfach herstellen.
Gerade Antibiotika hätten einen wesentlich komplexeren Herstellungsweg, da könne Deutschland sich nicht unabhängig machen von China.
Lieferengpässe bei Medikamenten als nationales Problem zu betrachten, sei "grundsätzlich falsch", sagt Francas. Denn: Pharmazeutische Lieferketten funktionieren global. "Wir brauchen eine transnationale Perspektive."
Um Lieferengpässen vorzubeugen empfiehlt Francas:
  • höhere Preisen für Medikamente
  • Reshoring - also die Rückverlagerung von Produktionsschritten nach Deutschland/Europa
  • Reserven an Medikamenten und in der Pharma-Produktion benötiger Wirkstoffe
  • Maßnahmen zur Vermeidung einer weiteren Abwanderung von Arzneimitteln 
"Wir müssen uns überlegen, wie wir Lieferketten resilienter machen", stellt Holzgrabe darüber hinaus fest. Es brauche Gesetzesentwürfe, die langfristig planen. "Das fängt bei einfachen Dingen an, dass Genehmigungen für Produktionsstätten schneller erteilt werden müssten."

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