: Wenn der Genderstern im Abi als Fehler gilt

von Pascal Maier, Wiesbaden
18.04.2024 | 17:04 Uhr
Kurz vor dem Abitur verbietet Hessens Landesregierung das Gendern mit Sonderzeichen und beruft sich auf den Rat der deutschen Rechtschreibung. Der sieht die Sache bei der Politik.

Heute beginnen die Abiturprüfungen für Schüler in Hessen. Doch seit Kurzem gilt ein Genderverbot, auferlegt von der Landesregierung. Die Kritik daran ist groß.

17.04.2024 | 01:45 min
An hessischen Gymnasien, Haupt- und Realschulen dürfen Schülerinnen und Schüler nicht mehr mit Sonderzeichen wie Doppelpunkt, Sternchen oder Unterstrich gendern. Andernfalls wird die Genderschreibweise in Prüfungen als Fehler angestrichen und benotet. Damit geht die hessische Landesregierung härter gegen das Gendern vor als die konservative bayerische Staatsregierung. Diese lässt Genderschreibweisen an Schulen nur anstreichen, sieht jedoch keinen Punktabzug dafür vor.

Genderverbot: Reaktionen an den Schulen

Die hessische Landesregierung teilte am Dienstag im kultuspolitischen Ausschuss mit, dass sie weder von Schülern und Schülerinnen noch von Lehrkräften oder Eltern eine negative Rückmeldung bezüglich des Genderverbots bekommen habe.

In Bayern ist im April das Genderverbot in Kraft getreten. In Schulen, Hochschulen und Behörden im Freistaat ist die Verwendung geschlechtersensibler Gendersprache von nun an ausdrücklich verboten.

11.04.2024 | 03:20 min
Auch die Schülerinnen und Schüler der Wiesbadener Leibnizschule, die am Mittwoch ihre erste Abiturprüfung abgelegt haben, sehen mehrheitlich kein Problem im Genderverbot. Der 18-jährige Ben Hirsing sieht es differenziert: "Ich bin recht zwiegespalten, weil ich natürlich Leute verstehen kann, die gendern. Mich persönlich stört es aber, wenn ich Texte lese. Weil es mich dann komplett aus dem Fluss rausbringt."
Die Lehrerin Susanne Kühnhold sagt hingegen, sie finde den Zeitpunkt sehr unglücklich und hätte es lieber den Schülerinnen und Schülern selbst überlassen, ob sie gendern oder nicht.

Hessens Kultusminister beruft sich auf Rat für deutsche Rechtschreibung

Der hessische Kultusminister Armin Schwarz (CDU) sieht im Genderverbot keine Gängelung der Schülerinnen und Schüler und beruft sich auf den "Rat für deutsche Rechtschreibung".
Es gibt keine Sprachpolizei. Es gibt ein klares Regelwerk vom Rat für deutsche Rechtschreibung.
Armin Schwarz, hessischer Kultusminister

Das Gendern innerhalb der Rechtschreibung sorgt für heftige Debatten. In Sachsen-Anhalt werden jetzt Genderzeichen an weiterführenden Schulen als Rechtschreibfehler gewertet.

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Allerdings erklärte der Rat in einer Pressemitteilung explizit, dass die Bewertungspraxis Zuständigkeit der Schulpolitik sei und nicht dem Rat obliege. Ob es eine Möglichkeit wäre, das Gendern mit Sonderzeichen zu tolerieren, überlasse er ebenfalls der Schulpolitik.
Der Rat für deutsche Rechtschreibung ist ein zwischenstaatliches Gremium, das sich um die einheitliche Rechtschreibung kümmert.

Als 1998 die Rechtschreibreform in Kraft trat, gab es viel Empörung. Mehr als 20 Jahre später wird wieder um die deutsche Orthografie gestritten. Diesmal geht es ums Gendern.

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Gewerkschaft und Grüne kritisieren Genderverbot

Thilo Hartmann, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Hessen, betont, bei den Lehrkräften sei Verärgerung über das Vorgehen der Landesregierung zu spüren. Denn es gebe deutlich wichtigere Probleme als die Genderdebatte. Als Beispiel nennt er denn Lehrkräftemangel und schlechte PISA-Ergebnisse. Das Gendern hingegen sei bislang kein großes Thema an Schulen gewesen.
Die Landtagsabgeordnete Julia Herz von Bündnis90 / Die Grünen wirft der Landesregierung vor, dass sie einen "ideologischen Kulturkampf" auf dem Rücken der Schülerinnen und Schüler während der Abiturphase führe. Es solle allen Schülerinnen und Schülern freistehen, ob sie gendern oder nicht. Die Änderung der Korrekturregeln kurz vor dem Abitur kritisiert Herz scharf.
Hessens Kultusminister Schwarz nimmt die Kritik seitens der Grünen gelassen. Es gebe keinen Kulturkampf und die für dieses Jahr geltenden Regelungen seien schon vor einem Jahr angekündigt worden.

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