: Die Wut auf den türkischen Staat

von Anne Brühl, Istanbul
04.03.2023 | 09:33 Uhr
Viele Menschen in der Türkei sind wütend auf Präsident Erdogan, fühlen sich im Stich gelassen. Währenddessen verteilt er Geldscheine an Kinder, will sein Image vor der Wahl retten.

Das Erdbeben in der Türkei hat den Südosten des Landes hart getroffen. So auch die kurdische Stadt Adıyaman. Dort fühlen sich viele Menschen von der Regierung im Stich gelassen.

01.03.2023 | 06:18 min
Als Präsident Recep Tayyip Erdogan nach Adiyaman kommt, vermeidet er vor Trümmern abgelichtet zu werden. Er besucht ein Containerdorf, das ganz frisch errichtet wurde. Verteilt 200-Lira-Scheine an Kinder. Umgerechnet sind das zehn Euro. Der Präsident als großer Wohltäter – so sieht Erdogan sich am liebsten.
Schließlich soll in der Türkei gewählt werden, vermutlich im Mai oder im Juni. Und Erdogan und seine AKP wollen offenbar nichts unversucht lassen, diese Wahlen wieder für sich zu entscheiden. Das schwere Erdbeben und der Umgang damit könnte das schwierig machen.
War es in den ersten Tagen oft nur pure Verzweiflung darüber, dass Hilfe und Retter so spät in einigen besonders schlimm betroffenen Regionen eintrafen, so ist es jetzt immer mehr Wut, die sich gegen das schlechte Krisenmanagement der Regierung richtet.

Nach der Erdbebenkatastrophe sind zahlreiche Kinder in den betroffenen Gebieten traumatisiert. Sie benötigen Hilfe, um das Erlebte zu verarbeiten.

04.03.2023 | 01:43 min

Adiyaman ist großflächig zerstört

Adiyaman ist einer der am schlimmsten betroffenen Städte. 600.000 Menschen haben vor dem Beben in der Stadt gelebt. Der Staat spricht von mehr als 6.000 Toten hier – aber kaum einer glaubt diesen Zahlen. Das Zentrum der Stadt ist komplett zerstört.
Überall liegen Trümmer, die wenigen Häuser, die noch stehen, sind einsturzgefährdet und müssen abgerissen werden. Überall sind schwere Bagger damit beschäftigt, die Trümmer zu beseitigen, unter denen vermutlich noch weitere Tote liegen.

Nach dem Erdbeben in der Türkei kommt besonders auf dem Land nur wenig internationale Hilfe an. Kurdische Ärzte-Teams sind deswegen in Dörfern der Provinz Adiyaman unterwegs.

23.02.2023 | 01:57 min

Internationale Hilfsorganisationen nicht mehr sichtbar

Die Überlebenden sind in Zelten untergebracht. Auf vielen Freiflächen im Stadtgebiet stehen sie. Noch immer ist die Versorgung mit Wasser und Nahrungsmitteln schwierig, auch warme Kleider und Medikamente fehlen oft. Umgerechnet 500 Euro bekommen diejenigen, die ihre Häuser oder Wohnungen verloren haben. Dazu gibt es noch mal eine Umzugshilfe von 750 Euro.
Doch das reicht bei weitem nicht, denn die meisten im Erdbebengebiet haben alles verloren. In der Stadt sind die internationalen Hilfsorganisationen nicht mehr sichtbar, offenbar abgezogen, weil der türkische Staat immer wieder beteuert, alles im Griff zu haben.
Der türkische Minister für Infrastruktur hat sein Büro nach Adiyaman verlegt – in den Sitz der Provinzregierung. Das Gebäude steht noch, von dort schaut man auf das Chaos einer großflächig zerstörten Stadt. Eine Äußerung des Ministers hat viele Anwohner erzürnt, fassungslos gemacht: Es gebe keine Probleme und keinen Bedarf für weitere Hilfe, hatte der Minister öffentlich erklärt.
Erdbebenspenden: Was gebraucht wirdQuelle: ZDF

Ausnahmezustand im Katastrophengebiet

In den Erdbebenprovinzen gilt der Ausnahmezustand. Überall sind Polizei und Militär unterwegs, sie sollen für Sicherheit sorgen, heißt es. Was wir immer wieder erleben: Menschen trauen sich nicht, offen ihre Meinung zu sagen. Ein Mann sagt uns, als die Kamera ausgeschaltet ist:
Wenn ich offen rede, könnte ich meinen Job verlieren.
Auch wir erleben bei unseren Dreharbeiten immer wieder, dass zum Beispiel internationale Helfer von türkischen Sicherheitskräften daran gehindert werden, mit uns zu sprechen. Oder, dass Interviews, die wir mit Überlebenden führen, unterbrochen werden. Alle Anfragen, mit Verantwortlichen vor Ort zu sprechen, laufen ins Leere.

Erdogan hat in Adiyaman die Überlebenden um Vergebung gebeten

Es ist vor allem die Opposition, die die Stimme erhebt. In Adiyaman ist die Mehrzahl der Bevölkerung kurdisch. Im alevtitischen Versammlungshaus koordinieren sie mit Hilfe von vielen Freiwilligen alles selbst:
  • medizinische Hilfe, auch für abgelegene Dörfer,
  • warme Kleidung,
  • Zelte,
  • warmes Essen.
Sie haben erlebt, wie Lkw angehalten, die Ladung beschlagnahmt wurde. Die Regierung, so ihr Vorwurf, gebe ihre Hilfe als die eigene aus. Für die Wahlen, glauben sie, verheiße das nichts Gutes. Mit aller Macht werde die Regierung von Präsident Erdogan dafür sorgen, als Sieger aus dieser Wahl hervorzugehen.
Präsident Erdogan hat in Adiyaman die Überlebenden um Vergebung gebeten – gerade in den ersten Tagen habe es an Effektivität gefehlt. Und er hat um ein Jahr Zeit gebeten, um die Wunden, die das Beben bei vielen hinterlassen hat, heilen zu können. Dafür müsste er die Wahlen erst einmal für sich entscheiden.

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