: Wer ist der Mann, der Putin herausforderte?

24.06.2023 | 21:30 Uhr
Er galt als einer der wichtigsten Akteure Russlands im Ukraine-Krieg. Nun hat sich der Wagner Chef gegen Moskau gestellt. Wer ist der Jewgeni Prigoschin? Ein Porträt.
Sie sind berüchtigt für ihre Skrupellosigkeit, nicht nur gegenüber dem Feind, sondern auch gegenüber der Zivilbevölkerung und sogar den eigenen Leuten: die Söldner des russischen Militärunternehmens Wagner. In der Ukraine kämpften sie bislang Seite an Seite mit der russischen Armee. Hohe Verluste wurden in Kauf genommen.
Wie viele Söldner im Einsatz sind, ist nicht genau bekannt. Die US-Regierung schätzt ihre Zahl auf 50.000 und hat Sanktionen gegen die als "bedeutende transnationale kriminelle Organisation" eingestufte Gruppe verhängt. Ihr Gründer und Chef Jewgeni Prigoschin sprach selbst von 25.000 Kämpfern, als er am Freitag zur Meuterei gegen die russische Regierung aufrief.
Die russische Regierung warf den USA bislang vor, die Gruppe grundlos zu verteufeln. Prigoschin räumte erst im September öffentlich ein mit der Wagner-Gruppe überhaupt etwas zu tun zu haben. Nach seinen Angaben gründete er sie 2014. Sie sei weit mehr als eine Söldner-Truppe, hat er erklärt. Schon vor der jüngsten Entwicklung mehrten sich Anzeichen, dass die russische Regierung ihren Einfluss eindämmen wollte.

Prigoschins Spitzname: Putins Koch

Prigoschin ist ein reicher russischer Geschäftsmann, dem lange Nähe zu Präsident Wladimir Putin nachgesagt wurde. "Putins Koch" wurde er oft genannt, weil er einst ein Restaurant in St. Petersburg betrieb, in dem Putin zu speisen pflegte. Ihn darauf zu reduzieren, hieße, ihn zu unterschätzen. Mancher Kommentator hielt Prigoschin bis vor Kurzem gar für den künftigen Verteidigungsminister.

Jewgeni Prigoschin wurde als Gastronom reich, dann führte er die berüchtigtste Privatarmee der Welt - die Wagner-Gruppe.

22.02.2023 | 15:54 min
Dabei war immer fraglich, ob Putin wirklich seinen langjährigen Minister Sergej Schoigu verstoßen hätte - zumal erst Mitte Januar mit Generalstabschef Waleri Gerassimow ein enger Schoigu-Vertrauter Oberbefehlshaber des Ukraine-Einsatzes wurde.

Machtkampf mit dem Verteidigungsministerium

Es blieb immer unklar, wie viel Einfluss Prigoschin tatsächlich in Putins Entourage hatte. Aber er scheute in der Vergangenheit nicht davor zurück, sich mit dem Militär und dem Verteidigungsministerium anzulegen. Mitte Januar verkündete er, seine Männer hätten Soledar eingenommen - jene Kleinstadt in der Nähe von Bachmut im Osten der Ukraine, die für ihre riesigen Salz-Vorkommen bekannt ist.
Zwar lobte das Präsidialamt die "heldenhaften selbstlosen Taten" der Kämpfer in Soledar, doch das Verteidigungsministerium schrieb den Sieg den eigenen Truppen zu. Prigoschin beschwerte sich wütend, russische Angestellte zollten seinen Einheiten nicht genügend Respekt. Nur Stunden später reagierte das Ministerium mit einer "klärenden Stellungnahme", in der es anerkannte, dass Wagner-Kämpfer mit ihren "mutigen Taten" Soledar erobert hätten.
Wenige Tage vor dem Jahrestag des Kriegsbeginns ging Prigoschin erneut auf Konfrontationskurs: Er warf Schoigu und Gerassimow vor, seinen Kämpfern Munition entzogen zu haben. Sie hätten versucht, Wagner zu zerstören. "Das kommt Hochverrat gleich."

Prigoschin, der Geschäftsmann

Spekuliert worden war, dass Prigoschin der Zugriff auf den lukrativen Salzbergbau in Soledar und den Gipsabbau bei Bachmut locken könnte - sofern die Gebiete unter russischer Kontrolle stehen. Nach russischen Angaben hat die Wagner-Gruppe bereits Militär- und Bergbauverträge in Afrika - da würde Soledar passen.
Prigoschin besitzt zudem ein riesiges Catering-Unternehmen, das staatliche Einrichtungen versorgt, außerdem Medienunternehmen und sogenannte "Trollfabriken" zur Beeinflussung sozialer Medien. "Im Wesentlichen ist er ein privater Geschäftsmann, der stark davon abhängig ist, wie seine Beziehungen zu den Behörden strukturiert sind", sagte Stanowaja, Gründerin des Analyseunternehmens R.Politik. Sie schätzte seine Position damals als "sehr verletzlich" ein.

Söldner aus Gefängnissen rekrutiert

Putin hatte wiederholt erklärt, die Wagner-Gruppe vertrete nicht den Staat. Sie verstoße aber nicht gegen russische Gesetze und habe das Recht, überall auf der Welt zu arbeiten und ihre Geschäftsinteressen zu fördern. Das tat die Wagner-Gruppe bereits in Syrien, Mali, Libyen und der Zentralafrikanischen Republik, wo die Söldner bei der Niederschlagung von Aufständen eingesetzt werden.
Ursprünglich bestand die Wagner-Truppe aus Veteranen der russischen Streitkräfte. Die Regierung hatte Prigoschin erlaubt, Strafgefangene zu rekrutieren und sie in Panzern, Flugzeugen und Raketenabwehrsystemen einzusetzen - Straffreiheit gegen Kriegsdienst. Später nahm das Verteidigungsministerium einer Gefangenenrechtsorganisation zufolge die Rekrutierung aber selbst vor. Anfang Januar wurden die ersten nach ihrem sechsmonatigen Einsatz auf freien Fuß gesetzt. Prigoschin gab ihnen mit auf den Weg:
Trinkt nicht zu viel, nehmt keine Drogen und vergewaltigt keine Frauen.
Jewgeni Prigoschin
Wie viele der rekrutierten Sträflinge den Krieg überlebt haben, weiß niemand. Ukrainischen Beobachtern zufolge sind sie oft schlecht ausgebildet und werden rasch an die Front geschickt - als Kanonenfutter. Dass die Wagner-Truppe rücksichtslos gegenüber den eigenen Leuten ist, könnte ein 2022 veröffentlichtes Video zeigen. Darin ist mutmaßlich zu sehen, wie ein abtrünniger Söldner mit einem Vorschlaghammer getötet wird.
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Quelle: Reuters/Andrew Osborn, Tom Balmforth, Pavel Polityuk und Sabine Ehrhardt

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