: Hartnäckige Inflation: EZB unter Druck

von Frank Bethmann
04.05.2023 | 18:12 Uhr
Billiges Geld und Wachstum war einmal. Mit steigenden Leitzinsen kämpfen Notenbanken gegen die Teuerung. Der Erfolg bleibt aus - was künftige Entscheidungen schwieriger macht.
Quelle: epa
Frühlingszeit ist die Zeit des Rasensäens, doch ehe aus der braunen Fläche mal ein sattes Grün wird, dauert es - meist Monate. Wer aber geduldig ist, der wird irgendwann belohnt. Eine Hoffnung, die in diesen Maitagen auch Europas Notenbänker hegen.
Die Hoffnung, dass sie möglichst bald das Ergebnis ihrer Arbeit werden ernten können. Nämlich, dass durch das stetige Anheben der Leitzinsen die Inflation im Euro-Raum endlich wieder zurückgeht.

Wichtigste Aufgabe: Inflation zurückdrängen

Doch garantieren kann das keiner. Zuletzt gab es wieder einen Rückschlag. Im April zog die Teuerung erneut an. Weswegen die EZB heute zum siebten Mal in Folge die Leitzinsen angehoben hat. Diesmal um 0,25 Prozentpunkte auf jetzt 3,75 Prozent.
Einfach haben es sich Ratsmitglieder dabei ganz sicher nicht gemacht: "Die EZB ist in einer sehr schwierigen Situation", findet Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der niederländischen Bank ING, der nur zu genau weiß, welche Fragen da im Raum stehen. "Um wie viel soll sie jetzt die Leitzinsen weiter erhöhen? Oder soll sie abwarten?"
So sieht die Entwicklung des Leitzinses seit 2008 aus:
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Schließlich kann es bis zu einem Jahr dauern, ehe sich Leitzinserhöhungen dann wirklich in sinkenden Preisen bemerkbar machen. Gleichwohl hält Arthur Brunner von abwarten nichts. Für den Kursmakler der ICF-Bank ist klar: Die EZB steht unter Druck. Sie muss handeln.
Die hartnäckige Inflation zurückzudrängen, ist jetzt die vordringlichste Aufgabe.
Arthur Brunner, Kursmakler der ICF-Bank
Jahrelang unterstützte die Nullzinspolitik der EZB Konjunktur und Wachstum. "Auch weil man die Inflationsgefahr nicht sehen wollte", so Brunner weiter, der die Zinspolitik der EZB seit Jahren durchaus kritisch begleitet. Nun ist er sicher, es werden weitere Leitzinsanhebungen folgen. Auch wenn die konjunkturelle Entwicklung darunter leiden sollte.

Firmen fragen weniger Kredite nach

Auch für Brzeski steht fest: Vorfahrt für die Währungshüter habe jetzt die Geldwertstabilität. Auch nach der heutigen Entscheidung rechnet er mit weiter steigenden Leitzinsen - auch im Juni. Doch: "Jeder weitere Zinsschritt jetzt, könnte sich im Nachhinein als Fehler herausstellen." Nämlich dann, wenn die Inflation doch schneller sinkt oder die Konjunktur stärker als befürchtet einbrechen sollte.
Erste Alarmsignale dafür gibt es bereits. Wenn Firmen weniger Kredite nachfragen um zu investieren, kann das ein Zeichen für eine nachlassende Wirtschaftsdynamik sein. Die jüngste Umfrage der EZB bei den Geschäftsbanken hatte genau das zum Ergebnis.
Ersatzinvestitionen, also Investitionen in neue Maschinen, in neue, klimafreundliche Produktionsprozesse, die sind alternativlos. Die werden Unternehmen auch weiter tätigen.
Carsten Brzeski von der ING
Aber andere Investitionen würden dafür zurückgestellt. Alles, was nicht zwingend notwendig ist, wird gestrichen.
So hat sich die Inflationsrate in Deutschland seit 2020 entwickelt:
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Eurozone droht schwere Zeit

Der Ökonom der ING sieht auf die Eurozone schwere Zeiten zukommen. "Krisen können wir zwar", sagt Brzeski mutmachend, "aber mit einer Situation wie dieser, blutleeres Wachstum über einen längeren Zeitraum in Verbindung mit einer hartnäckigen Inflation, damit haben wir keine Erfahrung." Und beim "wir" bezieht Brzeski auch die Europäische Zentralbank mit ein. Die mit ihrer Geldpolitik derzeit "genauso wie viele andere im Nebel tastet."
"Es ist halt die Kunst der Notenbanken", sagt Kursmakler Brunner, "die nötige Balance zu finden". Die Kunst der richtigen Dosierung. Wann und in welchem Moment erhöhe ich die Leitzinsen noch? Und wann höre ich damit auf? Es ist die Frage nach dem richtigen Moment, die Maßnahmen einfach nur noch wirken zu lassen, damit im übertragenen Sinn die Landschaften wieder blühen und der Rasen einfach nur wachsen kann.

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