: Gelingt die Energiewende in der Industrie?

von Andreas Stamm
25.06.2024 | 17:38 Uhr
Es ist eines der wichtigsten Felder für die heimische Industrie - die Produktion von grünem Wasserstoff in großem Stil. Doch trotz ehrgeiziger Ziele hakt es gewaltig.

Brüssel hat das OK gegeben: Der Bund darf insgesamt drei Milliarden Euro in die Wasserstoff-Infrastruktur investieren. Die Energiequelle soll in Zukunft eine große Rolle spielen.

25.06.2024 | 01:36 min
Es wäre keine wirkliche Meldung: Mittelständischer Anlagenbauer mit Sitz in Deutschland stellt etwas her, von hoher Qualität, gern genommen im In- und Ausland. Es sind diese "hidden champions", die versteckten kleinen Giganten, die Deutschlands Wirtschaft tragen. Doch östlich von Frankfurt, im hessischen Rodenbach, wird etwas zusammengebaut, was die Träume von einer gelingenden Energiewende in der Industrie beflügelt: Maschinen, die grünen Wasserstoff produzieren.
Der Geschäftsführer von De Nora Deutschland, Robert Scannell, ist ein alter Hase im Geschäft. Das schon lange erfolgreich läuft. Etwa 140 Mitarbeiter kümmern sich unter anderem um riesige Elektroden, die in Elektrolyseure eingebaut werden und die es für die Wasserstoffgewinnung braucht. In der Chemieindustrie schon immer ein wichtiger Rohstoff, doch nun hat die große Jagd darauf begonnen - weltweit.

Elektrolyseure sind für Energie aus Wasserstoff nötig

Wasserstoff ist in Molekülen gebunden, beispielsweise Wasser. Wenn man den gasförmigen Wasserstoff zur Energiegewinnung nutzen will, muss man ihn aus dem Wassermolekül herauslösen. Dafür werden Elektrolyseure verwendet. Sie spalten Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff auf. Brennstoffzellen können dann den Wasserstoff in elektrischen Strom umwandeln, der beispielsweise Motoren antreibt. Quelle: Fraunhofer Institut
"Wir haben unsere Belegschaft in drei Jahren mehr als verdoppelt", erklärt Scannell nicht ohne Stolz.
Drei Schichten, rund um die Uhr, sieben Tage, sonst kommen wir nicht hinterher.
Robert Scannell, Geschäftsführer von De Nora

Grüner Wasserstoff - der Stoff, aus dem Industrieträume sind

Die Auftragsbücher sind voll, es wird eine neue Produktionshalle gebaut, das Werk ständig erweitert. Italien, USA, weltweit entstehen neue Werke, die Kunden kommen aus Saudi-Arabien oder den Niederlanden.

In Schwedt bemüht man sich um einen Strukturwandel. Wo bisher die Öl-Industrie der PCK-Raffinerie den sicheren Arbeitsplatz garantierte, soll möglichst bald grüner Wasserstoff die Zukunft sichern. Funktioniert das?

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Denn alle wollen grünen Wasserstoff. Der entsteht, wenn der notwendige Strom für die Elektrolyse (die Trennung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff) aus erneuerbaren Energien stammt. Beispielsweise für die Dekarbonisierung wichtiger Industriebereiche wie die Stahl- oder Chemie-Branche, wo es bislang keine anderen Lösungen für eine CO2-freie Produktion gibt. Oder als Speichermedium für erneuerbare Energien, wenn die Sonne scheint oder der Wind bläst, damit in Zeiten der Dunkelflaute nicht die Stromversorgung zusammenbricht.

Grüne Wasserstoffproduktion kommt kaum voran

Auch die Bundesregierung setzt auf den grünen Wasserstoff. Sie hat Deutschlands Strategie dazu überarbeitet, vor Kurzem das Wasserstoffbeschleunigungsgesetz auf den Weg gebracht und fördert denn Ausbau mit Milliarden. "Das alleine ist noch kein Gamechanger", so Wolf-Peter Schill, Energieexperte vom DIW in Berlin.
Aber es beschleunigt die Verfahren, minimiert die Bürokratie, wird in den beteiligten Branchen positiv gesehen und könnte die dringend benötigte Initialzündung werden.
Wolf-Peter Schill, Energieexperte vom DIW
Denn bislang läuft das Hochfahren der grünen Wasserstoffproduktion in Deutschland kaum an. Bis 2030 sollen heimische Elektrolyseure Wasserstoff mit 10 Gigawatt Leistung produzieren. Erst ein Prozent ist davon erreicht. Viele Anlagen hängen in der Planungs- oder Machbarkeitsstudienphase fest, Deutschlands Industrie hadert und schiebt die nötigen Milliardeninvestitionen vor sich her.

Die Bundesregierung möchte mit einer neuen Nationalen Wasserstoffstrategie die Energiewende vorantreiben. Dabei soll vor allem grüner Wasserstoff gefördert werden.

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Der Ausbau der Erneuerbaren geht zu langsam voran, dazu sind Maschinen und Material teurer geworden, der Wasserstoff in Deutschland preislich noch nicht konkurrenzfähig. Und Erdgas, das der Wasserstoff oft in der Produktion ersetzen soll, ist wieder so günstig wie vor dem Ukraine-Krieg, was die Umstellung erschwert.
Trotzdem seien die Ziele der Wasserstoffstrategie noch erreichbar, so Experte Schill.
Wie in anderen Bereichen der Energiewende kann es sehr schnell gehen, wenn die Technik erst mal etabliert ist, der Staat mithilft, dann explodiert der Markt.
Wolf-Peter Schill, Energieexperte vom DIW
Beim grünen Wasserstoff läge das zumindest in der Luft.

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Grüner Wasserstoff alternativlos oder nicht?

Doch selbst wenn das Hochfahren der Produktion in Deutschland gelingt, ohne Importe geht nichts. Bis zu zwei Drittel muss importiert werden. Bei der Frage, wo die Importe herkommen sollen, gebe es Forschungsprojekte und Energiepartnerschaften mit ganz vielen Ländern auf fast allen Kontinenten, so Schill. "Viele Ideen, Abkommen und Absichtserklärungen. Aber so richtig große Investitionsentscheidungen sind bisher zumindest noch nicht getroffen."

Norwegen will in Zukunft Wasserstoff liefern, auch an Deutschland. Bevor der vollständig mit erneuerbaren Energien hergestellt werden kann, soll das CO2 gespeichert werden.

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Und auch das Leitungsnetz sei noch nicht mal angefangen worden. Bis zu 10.000 Kilometer sind geplant, um den Wasserstoff dorthin zu bringen, wo er gebraucht werde. Den Kopf in den Sand stecken sei aber keine Option, erklärt Wolf-Peter Schill.
Ich bin kein Fan davon, Sachen als alternativlos zu bezeichnen, aber ohne grünen Wasserstoff kann keine Dekarbonisierung unserer Volkswirtschaft gelingen. Es bliebe nur die Alternative, dass wir nichts, keinen Klimaschutz, machen.
Wolf-Peter Schill, Energieexperte vom DIW
Dagegen sprechen auch die vollen Auftragsbücher beim Anlagenbauer De Nora. Sie seien bereit, zu investieren, weil sie glauben, dass der Boom beim grünen Wasserstoff auch in Deutschland komme, so Geschäftsführer Scannell. Auch er mag das Wort alternativlos nicht.

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