: So bereitete sich Hamas auf die Angriffe vor

von Jan Schneider
28.11.2023 | 18:43 Uhr
Videos und Bilder zeigen, dass die Hamas schon jahrelang für ihren Angriff am 7. Oktober trainiert hat. Für Übungen wurde sogar eine israelische Militärbasis nachgebaut.
Palästinenser fahren auf einem israelischen Militärfahrzeug, das von einem von Hamas-Kämpfern überrannten Armeestützpunkt in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen mitgenommen wurde.Quelle: dpa
Die Angriffe der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober waren keine spontane Aktion, sondern eine von langer Hand geplante Attacke. Wie detailliert die Vorbereitungen waren, zeigt nun eine Auswertung von Videos und Bildern, die Hamas und weitere militante Gruppen in den Jahren vor den Angriffen veröffentlicht haben. Journalisten der BBC haben diese Aufnahmen mit Videomaterial der tatsächlichen Angriffe verglichen und konnten viele Aktionen aus den Trainingsmanövern wiedererkennen.
Die ersten militärischen Übungen starteten demnach bereits im Dezember 2020 unter dem Decknamen "Strong Pillar" ("Starke Säule"), ausgerufen von Hamas-Chef Ismail Haniyeh. Koordiniert wurden die Trainings, an denen insgesamt zehn palästinensische Gruppierungen teilnehmen sollten, aus einer gemeinsamen Kommandozentrale, die bereits 2018 aufgebaut worden sein soll. Unter den Gruppen waren etwa der "Islamische Dschihad" in Palästina oder die Qassam-Brigaden, eine der militärischen Unterorganisationen der Hamas.

"Einerseits der öffentliche Druck von Angehörigen der Geiseln - auf der anderen Seite das Militär, das sagt, wir können nicht mittendrin aufhören", berichtet ZDF-Reporter Luten Leinhos aus Tel Aviv.

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Was hat die Hamas trainiert?

Die Aufnahmen der Übungseinheiten zeigen exakte Vorbereitungen auf das, was am 7. Oktober an und hinter den israelischen Grenzzäunen passiert ist. Die Kämpfer dringen in nachgebaute Militärstützpunkte ein, greifen Panzer an, nehmen Geiseln und bringen sie weg aus der Kampfzone.
Auch das Durchbrechen der Grenzanlagen mit Motorrädern wurde von den Terroristen trainiert, Aufnahmen dieser Übungen wurden allerdings erst drei Tage nach den Angriffen im Netz veröffentlicht.
Aufnahmen von Kämpfern mit Gleitschirmen, die vor allem beim Angriff auf das Supernova-Festival eine Rolle spielten, wurden nach den Recherchen der BBC nicht vor dem 7. Oktober geteilt.

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Wo hat sich die Hamas vorbereitet?

Um unter möglichst realistischen Bedingungen zu üben, haben die Terroristen mindestens 14 Trainingslager im Gazastreifen aufgebaut - viele in direkter Nähe zum Grenzzaun nach Israel.
Eine nachgebaute israelische Militärbasis liegt gerade mal 2,6 Kilometer entfernt vom Grenzübergang bei Erez. Hier soll die Hamas das Stürmen von Gebäuden, Geiselnahmen und die Zerstörung von Sicherheitsbarrieren geübt haben.
ZDFheute Infografik
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Wieso hat Israel nicht auf die Übungen der Hamas reagiert?

Diese Vorbereitungen der Angreifer sind nicht unbemerkt geblieben: Mehrere Soldatinnen der israelischen Grenzüberwachungskräfte, auch bekannt als Tatzpitaniyot, berichten mittlerweile, dass ihre Warnungen vor ungewöhnlichen Bewegungen in Gaza von den Sicherheitsdiensten ignoriert wurden.
Demnach hätten die Grenzschützerinnen davor gewarnt, dass palästinensische Guerillas mit Sprengstoff trainieren oder Angriffe auf einen Nachbau eines Panzers und einen Scheinbeobachtungsposten proben. Auch Aktionen mit Drohnen seien beobachtet worden.
Nahost-Expertin Marie-Theres Sommerfeld vom German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS) kann sich ebenfalls nicht vorstellen, dass die Übungen unbemerkt geblieben sind:
Der gesamte Gazastreifen ist so gut überwacht, da müssen diese Trainings aufgefallen sein.
Marie-Theres Sommerfeld, GIDS

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Israel habe sich allerdings in den letzten Jahren auf das Westjordanland konzentriert und mehr Einheiten dorthin geschickt. Dadurch fehlten diese Kräfte an der Grenze zu Gaza. Außerdem habe Israel seit der Installation des Abwehrschirms "Iron Dome" vor mehr als zehn Jahren den Fokus in der Verteidigung nicht mehr auf Kämpfe am Boden gelegt.

Hinzu komme, dass die Angriffe der Hamas seit Ende der Intifada 2005 eine andere Qualität angenommen haben, die eine Bodeninvasion nicht erwarten ließen.
Alles in allem aber muss Israel ein militärisches, geheimdienstliches und politisches Versagen aufarbeiten.
Marie-Theres Sommerfeld, GIDS

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Welche Rolle spielten die Verbündeten der Hamas?

Die Hamas ist nicht allein gewesen bei ihren Vorbereitungen auf den Angriff. Gemeinsam mit der libanesischen Hisbollah und weiteren Organisationen hatte die Terrorgruppe im Sommer ein Manöver unter dem Motto "Wir kommen rüber über Israels Grenze" abgehalten. Dabei soll auch schon der Plan diskutiert worden sein, wie man am besten in israelische Siedlungen eindringen kann.

Hamas

Quelle: picture alliance / AA
  • Radikal-islamische Terrorgruppe, 1987 während erster Intifada gegründet
  • Name ist Akronym für "islamische Widerstandsbewegung"
  • Ziel: Zerstörung Israels und Einrichtung eines islamischen Staats
  • besitzt keine demokratische Legitimierung und geht restriktiv gegen Bevölkerung vor

Hisbollah

Quelle: dpa
  • radikale Schiiten-Miliz, dominiert mehrere schiitische Gebiete im Libanon
  • Ziel: Interessen der Schiiten durchsetzen, Kampf gegen Israel
  • fungiert als politische Partei und Terror-Miliz
  • ideologisch und politisch mit Iran verbunden, enge Koordination mit Hamas
  • Großteil militärischer Ausstattung stammt aus Iran
  • verfügt über großes Raketenarsenal, können vermutlich zehntausende Kämpfer mobilisieren
  • bereits mehrmals im Konflikt mit Israel, etwa im Libanon-Krieg 2006
  • in Deutschland als Terrororganisation eingestuft
  • Experten verweisen auf eine instabile Lage im Libanon: Hisbollah könnte sich Krieg mit Israel wohl auch finanziell nur schwer leisten.

Iran

Quelle: ZDF/Iranian Supreme Leaders Office
  • seit der Revolution 1979 eine schiitische Islamische Republik
  • Staatsoberhaupt: Ali Khamenei - dieser erklärte zuletzt abermals: Die Palästinenser und andere Kräfte würden "das Krebsgeschwür Israel bald schon auslöschen"
  • Iran sieht Israel als Erzfeind an und lehnt dessen Existenz ab
  • fördert und finanziert seit Jahrzehnten Terror-Gruppen in der gesamten Region
  • konkurriert mit Saudi-Arabien um Einfluss in der Region, ermöglicht durch Öl-Milliarden
  • ist klar gegen eine mögliche Aussöhnung und Annäherung zwischen Israel und Saudi-Arabien, die sich zuletzt angedeutet hat. Könnte Hamas darum zu Großangriff auf Israel bewegt haben.

Quelle: Reuters, ZDF

Auch diese Trainingscamps der Hisbollah seien äußerst professionell, berichtet Sommerfeld, wissenschaftliche Mitarbeiterin des GIDS. Sie seien oft sehr gut ausgerüstet durch Waffen aus dem Iran, Truppen würden rotiert wie in herkömmlichen Armeen anderer Staaten.
Erschreckend sei dabei, so Sommerfeld, dass die Hamas als kleinste Stellvertreterorganisation des Iran einen derart verheerenden Angriff auf Israel verüben konnte. Die besser ausgerüstete Hisbollah könne das Land, vor allem mittels ihrer Raketen, noch härter treffen.

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