: Wie die Ukraine ihre Gegenoffensive startet

von Christian Mölling und András Rácz
09.06.2023 | 21:58 Uhr
Durch die Staudamm-Zerstörung ist das von Russland besetzte Gebiet in Cherson gegen ukrainische Angriffe gesichert. Andernorts nimmt die ukrainische Gegenoffensive Fahrt auf.
In Bachmut scheint die ukrainische Armee auf dem Vormarsch zu sein. (Archivbild)Quelle: ap
Obwohl die ukrainische Seite praktisch keine offiziellen Informationen herausgibt, geht aus westlichen und russischen Berichten bereits hervor, dass Kiew die kinetische Phase seiner lang erwarteten Gegenoffensive eingeleitet hat.
Bereits in der vergangenen Woche haben sich die Kämpfe an vielen Frontabschnitten verschärft. Doch in dieser Woche hat die Ukraine vom Westen gelieferte Panzer und gepanzerte Fahrzeuge in die Angriffe einbezogen, darunter auch Leopard-Panzer. Das deutet darauf hin, dass diese Bemühungen bereits ernster sind als die üblichen kleineren Sondierungsangriffe.
Russland meldet Gefechte in Saporischschja:

Saporischschja: Russland hat ersten Vorstoß wohl zurückschlagen

Einer der Angriffe in der Region Saporischschja wurde Berichten zufolge von den geschickt verteidigenden russischen Streitkräften zurückgeschlagen.
Nach den vorliegenden Videoaufnahmen wurde zwar ihre erste Linie durchbrochen, doch gelang es den Russen, die vorrückenden ukrainischen Einheiten an der zweiten Linie zu stoppen, indem sie konzentrierten Artilleriebeschuss, Landminen und elektronische Kampfführung einsetzten. Die Ukraine verlor mehrere gepanzerte Fahrzeuge, darunter mindestens einen Leopard-Panzer.

Dr. Christian Mölling ...

Quelle: DGAP
... ist Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin und leitet dort das Programm Sicherheit, Verteidigung und Rüstung. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themenkomplexen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement. Für ZDFheute analysiert er regelmäßig die militärischen Entwicklungen im Ukraine-Konflikt.

Dr. András Rácz ...

Quelle: DGAP
... ist Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er forscht und publiziert zu Streitkräften in Osteuropa und Russland und hybrider Kriegsführung.

Ukraine stößt bei Bachmut vor

In der Zwischenzeit sind die ukrainischen Truppen in Bachmut auf dem Vormarsch und konnten die russischen Verteidigungslinien sowohl nördlich als auch südlich der Stadt durchbrechen. Berichten zufolge konnten die Ukrainer den Rückzug der Wagner-Truppen ausnutzen - und die eintreffenden russischen Ersatztruppen kannten das Terrain nicht richtig.
In anderen Abschnitten der Frontlinie, sowohl in der Region Donezk als auch in der Region Luhansk, versuchen die russischen Streitkräfte nach wie vor Offensivaktionen durchzuführen, insbesondere um Awdijiwka und in Richtung Kupjansk.

Informationen zu einzelnen Gefechten schwer nachprüfbar

Krieg bedeutet auch, dass weniger zuverlässige Informationen verfügbar sind. Es wäre deshalb falsch, den Erfolg der gesamten Offensive anhand des Erfolgs oder Scheiterns eines einzigen relativ kleinen Einsatzes zu bewerten.
Da die Ukraine zudem nichts veröffentlicht, ist es leicht, die geschickt ausgewählten russischen Videos zu überschätzen, während es schwer zu beurteilen ist, inwieweit sie die allgemeine Situation widerspiegeln.

Luftangriffe auf ukrainische Infrastruktur

Während an der Front heftige Kämpfe stattfinden, setzt Russland seine Drohnen- und Raketenangriffe auf militärische und zivile Infrastrukturen der Ukraine fort. In Huliaipole wurde ein Krankenhaus schwer getroffen, wobei mindestens zwei Menschen getötet und zwei weitere verwundet wurden - auch in mehreren anderen Städten gab es Verluste.
ZDF-Reporter Timm Kröger berichtet von der aktuellen Lage aus der Ukraine:

Staudammsprengung löst Katastrophe aus

Am 6. Juni sprengten wahrscheinlich russische Streitkräfte in den frühen Morgenstunden den Staudamm des Wasserkraftwerks Nowa Kachowka am Fluss Dnipro. Während es in den ersten Tagen verschiedene Erklärungen für die Ereignisse gab, darunter auch einige Versionen, die der Ukraine die Schuld gaben, ist inzwischen aufgrund von seismischen, Satelliten- und Fernmelde-Informationen sehr deutlich, dass Russland hinter der Zerstörung des Staudamms steckt.
Das Hochwasser hat flussabwärts in der Region Cherson große Zerstörungen angerichtet. Sowohl die Stadt Cherson als auch mehrere Dutzend Siedlungen sind betroffen. Das Hochwasser hat auch einige russische Verteidigungslinien am linken Ufer weggespült, sodass sich die russischen Streitkräfte zehn bis 15 Kilometer nach Osten zurückziehen mussten.

Russland kann durch Hochwasser besetzte Gebiete verteidigen

Das betroffene Gebiet wird für größere Militäroperationen zumindest für mehrere Wochen, möglicherweise Monate, unpassierbar bleiben. Durch die Zerstörung des Staudamms hat Russland de facto die linke Flanke seiner Streitkräfte, die die besetzten Regionen Cherson und Saporischschja verteidigen, gegen jeden ukrainischen Angriff gesichert, der über den Dnipro oder das Wasserreservoir von Nowa Kachowka kommt, das derzeit durch den Dammbruch geleert wird.
Es wird berichtet, dass die russischen Streitkräfte auch eine Reihe kleinerer Dämme an örtlichen Teichen und Seen in der Region Cherson sprengen, um ihre Verteidigungspositionen durch die verursachten Überschwemmungen weiter zu stärken.
Aktuelle Meldungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit in unserem Liveblog:

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