: 5-Uhr-Club: Was die Kritik am Trend ist

von Michael Kniess
15.03.2024 | 07:02 Uhr
Die Mitgliedschaft im 5-Uhr-Club gilt als Schlüssel zur Selbstoptimierung. Verhilft die gehypte Morgenroutine wirklich zu einem besseren Leben? Für die meisten wohl nicht.

Der 5-Uhr-Club lässt die Menschen morgens um fünf Uhr mit einer geplanten Routine aufstehen. Das Ganze soll für mehr Energie und Produktivität im Alltag sorgen. Doch für wen ist diese Methode überhaupt geeignet?

21.03.2024 | 04:40 min
Aufstehen und das tägliche Sportprogramm absolvieren, bevor die Sonne aufgeht, E-Mails checken und im Lieblingsbuch lesen, während der Rest der Welt noch schläft: Für Mitglieder im 5-Uhr-Club sieht so die tägliche Morgenroutine aus. Sie schwören auf den Frühstart in den Tag, um die eigene Produktivität zu maximieren, ihre Gesundheit zu verbessern und um zu mehr Gelassenheit zu finden.

Ein weiterer Baustein des Selbstoptimierungswahns

Den Tag vor allen anderen beginnen, um noch voller Energie und ohne abgelenkt zu werden das Leben zu verbessern und erfolgreicher zu gestalten: Mit dieser Idee hat der Motivationstrainer Robin Sharma einen Buch-Bestseller gelandet, Social-Media-Trend losgetreten und zahlreiche Menschen in seinen Bann gezogen. Michelle Obama, Bill Gates oder Jennifer Aniston - die Liste allein an prominenten Mitgliedern im 5-Uhr-Club ist lang.

Die Coaching-Branche boomt - birgt aber auch Gefahren. Warum trotzdem immer mehr Menschen viel Zeit und Geld in Selbstoptimierung investieren.

27.12.2023 | 10:03 min
Für Christian Benedict ist die Mitgliedschaft - zumindest in dieser Form - ein weiterer Baustein des um sich greifenden Selbstoptimierungswahns. Einer, der nur für die wenigsten in ein gesundes Lebenskonzept passt. "Unsere innere Uhr liebt Vorhersehbarkeit und Wiederholungen. Sie kann durch Routinen den Körper beispielsweise darauf vorbereiten, dass es bald Zeit ist zu schlafen und ihn dazu bringen, schon mal herunterzufahren", sagt der Neurowissenschaftler, der an der Universität Uppsala in Schweden zum Thema Schlaf forscht.

Dr. Christian Benedict

Quelle: © Stefan Tell
Dr. Christian Benedict forscht an der Universität Uppsala in Schweden zum Thema Schlaf. Der Neurowissenschaftler aus Hamburg hat 2018 ein populärwissenschaftliches Sachbuch zum Thema Schlaf veröffentlicht (schwedischer Titel "Sömn, Sömn, Sömn"). Im September 2019 ist dieses mit dem Titel "Schlaf ist die beste Medizin" auch im deutschsprachigen Raum erschienen.

Schlafmangel und gesundheitliche Konsequenzen

Die Belohnung für feste Tagesroutinen: ein gesünderes und längeres Leben. Die Ideen des 5-Uhr-Clubs für sich zu etablieren - im Grunde also gar nicht verkehrt. Nur eben meist nicht um fünf Uhr morgens.
Wir wissen aus Studien, dass sehr viele Menschen darüber klagen, dass sie ihre Schlafdauer ohnehin als zu kurz und ihre Schlafqualität als zu schlecht empfinden.
Christian Benedict, Neurowissenschaftler an der Universität Uppsala, Schweden
Wer zusätzlich seinen Schlaf dadurch verknappt, dass der Wecker so früh klingelt, schadet seinem Körper mehr als er ihm Gutes tut.

Bestimmte technische Geräte sollen das Einschlafen fördern. Wie und ob die drei Methoden funktionieren, zeigt auch eine Analyse im Schlaflabor.

30.10.2023 | 09:44 min
Schlafmangel hat bereits nach kürzester Zeit weitreichende gesundheitliche Konsequenzen. Menschen werden impulsiver, stressempfindlicher, ungeduldiger und unaufmerksam. Langfristig führt unzureichender Schlaf zu schnellerer Gewichtszunahme und zu einem erhöhten Diabetes Typ 2-Risiko. Er ist schlecht für das Herz-Kreislaufsystem und die Hirngesundheit.

Der 5-Uhr-Club ist meist nicht alltagskompatibel

Und: Schlafmangel ist gefährlich auch für andere. "Nach einigen Nächten Schlafentzug setzt ein Gewöhnungseffekt ein und man bekommt gar nicht mehr mit, dass man weniger leistungsfähig ist", sagt Christian Benedict, der sich in seiner Forschung Ursachen und Folgen des Schlafentzugs widmet. Nicht auszudenken, wer sich so übermüdet hinters Lenkrad setzt oder an den OP-Tisch stellt.
Der 5-Uhr-Club eignet sich aus Sicht von Christian Benedict deshalb für die Mehrheit nicht als Tool, um das eigene Leben zu verbessern. Für ein paar wenige Menschen, die ohnehin jeden Abend um 21 Uhr im Bett liegen und dadurch zu ausreichend Schlaf kommen, selbst wenn sie um fünf Uhr aufstehen, mag das Prinzip funktionieren. Doch die meisten haben keinen Alltag, der zu diesem Konzept passt.

Die Idee des 5-Uhr-Clubs als gesellschaftlicher Impuls

Dennoch sieht Christian Benedict im 5-Uhr-Club auch einen wichtigen Impuls für eine grundlegende gesellschaftliche Diskussion: "Das Fehlen von Regelmäßigkeit und Entschleunigung in unserem Alltag, in dem wir immer verfügbar sind und stets abgelenkt werden, trägt wesentlich dazu bei, dass wir gestresst sind und Schlafprobleme haben. Deshalb tut die Idee grundsätzlich gut, Zeitfenster zu schaffen, in denen wir fokussiert und bei uns sind. Wir brauchen solche Micropausen, um auch mental immer wieder tief ein- und auszuatmen." Nur nicht unbedingt um fünf Uhr morgens.

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