Grafiken

: Deutschlands Wettlauf gegen die Zeit

von Hans Koberstein und Nathan Niedermeier
13.06.2023 | 06:35 Uhr
Berechnungen zeigen: Früher Klimaschutz hätte drastische Maßnahmen verhindern können, später Klimaschutz macht genau diese unumgänglich. Was Deutschland nun leisten muss.
Deutschland und die Welt haben beim Klimaschutz Nachholbedarf. (Archivbild: Kohlekraftwerk Niederaußem)Quelle: AP
Die Zeit für Klimaschutz wird knapp. Schon nach 2040 darf Deutschland kein CO2 mehr ausstoßen, so Berechnungen des Sachverständigenrates für Umweltfragen. Dann nämlich ist das CO2-Budget für Deutschland aufgebraucht.
Diese Menge an Emissionen steht uns den Berechnungen des Gremiums zufolge noch zur Verfügung, um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten.

Das CO2-Budget

Die Weltgemeinschaft hat mit dem Pariser Klimaschutzabkommen 2015 beschlossen, dass der Temperaturanstieg der Erde stoppen muss, bei "deutlich unter 2 Grad Celsius". Ansonsten ist die Grundlage menschlicher Zivilisation auf dem Planeten gefährdet. Konkret heißt das: Die Erdbevölkerung darf nur noch eine bestimmte Menge an fossilem CO2 in die Atmosphäre blasen, damit der Temperaturanstieg gestoppt wird.

Wenn jedem Erdenbürger die gleiche Rest-Menge an CO2 zusteht, lässt sich berechnen, wie viel CO2 wir in Deutschland noch emittieren dürfen. Das ist das sogenannte "CO2-Budget". Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat das CO2-Budget für Deutschland berechnet. Für diesen Artikel nutzen wir dabei die Berechnungen für den Fall, dass die Erderwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von 67 % bei 1,75 Grad Celsius gestoppt wird und damit deutlich unter zwei Grad, wie in Paris 2015 vereinbart. Soll sich die Erde um nicht mehr als 1,5 Grad aufheizen, ist das Budget noch einmal deutlich kleiner.

Um unseren Anteil zu leisten, muss Deutschland jedes Jahr weniger fossile Kraftstoffe verbrennen: Also jedes Jahr deutlich weniger Benzin, Diesel, Gas und Kohle. 2040 dann darf gar kein fossiler Kraftstoff mehr verbrannt werden.
Erkunden Sie in dieser und den folgenden Grafiken, wie viel CO2 uns noch bleibt und wie schnell die Emissionen sinken müssen. Dabei können Sie oben in der Grafik zwischen verschiedenen Ansichten wechseln. Klicken Sie auf den Button "Früher Klimaschutz" oder "Später Klimaschutz" um zu sehen, wie langsam oder schnell die Emissionen dann sinken müssten.
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Verkehrsbereich nicht auf Klima-Kurs

Ist Deutschland auf Kurs? Danach sieht es derzeit nicht aus. Der Verkehrsbereich ist nicht auf Klimakurs, beim Heizen gibt es starke Widerstände gegen einen Abschied von Gas- und Ölheizungen.
Deutschland hat keine Zeit mehr, sich ständig an neuen Gründen abzuarbeiten, warum Klimaschutz nicht möglich ist.
Prof. Wolfgang Lucht, Sachverständigenrat für Umweltfragen
"Mit jedem verlorenen Jahr wird die Aufgabe enorm viel schwieriger", sagt Professor Wolfgang Lucht vom Sachverständigenrat für Umweltfragen. Denn das CO2, das Deutschland in einem Jahr nicht einspart, muss im Jahr darauf zusätzlich eingespart werden.
Das zeigt sich auch in der folgenden Grafik. Dabei zeigt die rote Linie (Szenario "später Klimaschutz") an, was passiert, wenn die Emissionen bis zur nächsten Bundestagswahl 2025 statt weiter zu sinken auf dem Niveau von 2022 bleiben.
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CO2-Budget könnte bereits 2036 aufgebraucht sein

Das bedeutet: Wenn die aktuelle Bundesregierung beim Klimaschutz versagt und es nicht schafft, den CO2-Ausstoß zu senken, muss die neue Bundesregierung ab 2026 deutlich drastischere Maßnahmen beschließen und das Versäumte nachholen - und das in weniger Zeit. In diesem Fall dürfte Deutschland bereits ab 2036 kein CO2 mehr ausstoßen - und nicht erst 2040.
Deshalb braucht es jetzt eine parteienübergreifende Entschlossenheit des ganzen Landes.
Prof. Wolfgang Lucht, Sachverständigenrat für Umweltfragen

Klimaschutz bereits 1992 in Rio de Janeiro Thema

Eine solche "parteiübergreifende Entschlossenheit" gab es in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich. Schon dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) lag der Klimaschutz am Herzen. 1992 erinnerte er auf der UN-Konferenz in Rio de Janeiro die Industrieländer an ihre "besondere Verantwortung" und versprach, dass Deutschland als gutes Beispiel vorangehen werde und seine CO2-Emissionen deutlich reduzieren würde.
Die Konferenz war die Geburtsstunde der UN-Klimarahmenkonvention, das wichtigste internationale Regelwerk zum Klimaschutz. Das alles ist nun über 30 Jahre her. In Deutschland sind seither die Emissionen zurückgegangen, doch leider nicht schnell genug - so dass heute drastisches Handeln notwendig ist.
Hätte Deutschland bereits ab 1992 seine CO2-Emissionen deutlicher gesenkt, bliebe uns heute mehr Zeit. Das zeigt auch die folgende Grafik.
Dabei gibt die dunkelblaue Linie an, wie die Emissionen in diesem Fall (Szenario "früher Klimaschutz") hätten sinken können. Dabei wird davon ausgegangen, dass uns die Menge an CO2, die wir seitdem tatsächlich ausgestoßen haben (schwarze Linie), auch tatsächlich zusteht. In beiden Fällen wird unterm Strich die gleiche Menge CO2 emittiert.
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Bisherige Maßnahmen zur CO2-Reduzierung nicht ausreichend

Das bedeutet: Hätte die Bundesregierung schon 1992 Ernst gemacht und Klimaschutz konsequent umgesetzt, wäre das Land heute in einer entspannten Lage. Wir hätten Zeit bis 2059, um unseren CO2-Ausstoß auf Null herunterzufahren. Erst dann wäre in diesem Fall das deutsche CO2-Budget aufgebraucht. Immerhin 20 Jahre später als das heute der Fall ist.
Doch es kam anders: Kohls Nachfolger wurde Gerhard Schröder (SPD), er regierte mit den Grünen von 1998 bis 2005. Schröder rief auf Klimakonferenzen zu entschlossenem Handeln gegen den Klimawandel auf, der sei "bedrohlich für die gesamte Menschheit".
Auch seine Nachfolgerin Angela Merkel (CDU) setzte sich als "Klimakanzlerin" 2005 bis 2021 zwar für Klimaschutz ein - einschneidende Maßnahmen zur CO2-Reduzierung aber vermied sie genauso wie ihre Vorgänger.

Weltklimarat mahnt zu sofortigem Handeln

So sitzt Deutschland heute in einer Warte-Falle. Das Versäumte muss in kurzer Zeit nachgeholt werden, mahnt der Weltklimarat der Vereinten Nationen in seinem jüngsten Bericht, der sich an politische Entscheidungsträger richtet: Die Regierungen müssten endlich handeln. Dieses Jahrzehnt sei entscheidend für das Wohl der Menschheit. Der Weltklimarat warnt:
Das Zeitfenster, in dem eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft für alle gesichert werden kann, schließt sich rapide.
Weltklimarat

Noch können wir umsteuern und zugleich die Wirtschaft ankurbeln und Gesundheitsschäden verringern. Das ist die Botschaft des neuen Syntheseberichts des Weltklimarats IPCC.

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